Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

456  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  I.  Weltwirtschaft.

um  eine  nationale  Frage  allerer  st  en  Ranges  handelt,  und  daß  jeder
gute  Deutsche,  jeder  verständige  Kaufmann  ohne  Rücksicht,  ob  Groß-  oder  Kleinkaufmann,
  ohne  Rücksicht  auf  Konfession  diese  Fragen  zu  lösen  mitberufen  ist,  im  Interesse ­
  des  großen  deutschen  Vaterlandes.
Anmerkung.  Über  die  Beziehungen  der  Technik,  der  Wissenschaft  und  der  Kunst  zur
Kolonialpolitik  äußert  sich  Dernburg  a.  a.  O.  S.  11—13  folgendermaßen:
„Die  Technik  ist  vielleicht  die  wichtigste  Hilfswissenschaft  des  Kolonisators.  Wir  haben
den  Bohrtechniker  und  den  Windmotor,  von  denen  wir  mit  Sicherheit  erwarten  können,  daß
sie  das  große,  jetzt  als  wasserlos  geltende  südwestasrikanische  Schutzgebiet  in  denselben  blühenden
Zustand  versetzen  werden,  in  dem  sich  zurzeit  die  englische  Kapkolonie  befindet,  die  unter
ganz  gleichen  Verhältnissen  emporgewachsen  ist,  aber  mangels  dieser  Hilfsmittel
auch  hundert  Jahre  dafür  gebraucht  hat.  Wir  haben  den  Elektrotechniker,  der  große  ausbeutungsfähige ­
  Wasserkräfte  in  den  Dienst  der  Kultur  spannen  wird  ....  Wir  haben  den
Geologen,  der  heute  noch  unbekannte,  aber  jedenfalls  sehr  große  mineralische  Schätze  finden
und  dadurch  einer  großen  Anzahl  von  Menschen  eine  lohnende  Beschäftigung  geben  wird.
Unsere  Juristen  helfen  uns,  einheimisches  Recht  und  fremden  Gebrauch  nützlich  zusammenzuschmieden; ­
  die  vergleichende  Rechtswissenschaft  findet  auch  in  Afrika  ein  ähnlich  reiches
Feld  ihrer  Betätigung  wie  die  vergleichende  Völkerkunde  und  Anthropologie,  der  wir  ja  auch
bezüglich  der  Erforschung  unserer  Schutzgebiete  schon  manches  zu  danken  haben.  Dazu  kommen
Chemie,  Geographie,  Botanik,  Zoologie  usw.,  die  wieder  der  Landwirtschaftslehre  vorarbeiten,
in  welcher  sich  ein  spezieller  Zweig,  die  tropische  Landwirtschaftslehre,  ausgebildet  hat.
Unsere  Theologen  und  die  vergleichende  Religionswissenschaft  werden  unsere  Missionen
unterstützen  in  der  Erkenntnis  der  Wege,  wie  alte  Anschauungen  durch  christliche  Begriffe
ersetzt  werden.  Unsere  Philologen  bringen  uns  durch  Feststellung  der  Worte  und  Wortkombinationen ­
  das  Geistesleben  der  Eingeborenen  näher.  Unsere  Volkswirtschaftler  und
Historiker  ziehen  die  Vergleiche  mit  der  Tätigkeit  anderer  Kolonisationsnationen  und  werden
uns  helfen,  aus  deren  Erfahrungen  unserseits  ohne  teures  Lehrgeld  zu  lernen,  wo  es  nicht
etwa  durch  die  absolute  Neuheit  der  Situation  notwendig  wird.  Die  Statistik  ist,  wie  auf
allen  Gebieten  der  Politik,  so  auch  auf  dem  der  Kolonialpolitik,  nicht  zu  entbehren.  Neue
Methoden  in  der  Landvermessung  stellen  die  Sicherheit  des  Besitzes  schneller  her  als  wie  zuvor.
Diese  Beispiele  lassen  sich  willkürlich  vermehren,  und  sie  zeigen,  wie  man  in  moderner
Weise  kolonisieren  soll,  wie  sich  bei  dieser  Kolonisation  die  angewandte  und  die  theoretische
Wissenschaft  die  Hand  zu  reichen  haben,  und  wie  die  Fehler  vermieden  werden  können,  die
unnütze  Opfer,  viel  Blut  und  mancherlei  Schwierigkeiten  zu  Hause  und  draußen  verursachen.
Dieses  Fortschrittes  werden  sich  dann  schnell  der  Handel  und  das  Kapital  bemächtigen.  Eine
verständige  Regierung  wird  diese  Bahn  zielbewußt  verfolgen,  und  die  Periode  des  Übergangs, ­
  in  der  die  Opfer  noch  den  Nutzen  überwiegen,  wird  wesentlich  abgekürzt  werden.
Es  sind  aber  nicht  nur  die  Wissenschaften,  die  hundertfältige  Beziehungen  zur  Kolonialpolitik ­
  haben.  Auch  die  Kunst  findet  ein  reiches  Feld  von  Aufgaben  und  Motiven  und  vermag ­
  mit  Mitteln,  wie  sie  keine  Wissenschaft  besitzt,  uns  diese  weit  entfernten  und  wunderbaren ­
  Länder  und  Leute  menschlich  näher  zu  bringen.  Dichter,  die,  wie  Kipling  in  England,
Pierre  Loti  in  Frankreich,  ihre  Motive  ausschließlich  aus  den  Kolonien  nehmen,  haben  wir
freilich  noch  nicht  in  Deutschland,  und  unsere  Maler  haben  es  sich  bisher  noch  entgehen  lassen,
ihre  Motive  unter  dem  dankbaren  blauen  Himmel  von  Südwestafrika  und  in  den  Urwäldern
von  Togo  und  Kamerun  oder  am  Kilimandjaro  zu  holen.  Aber  da  es  die  Aufgabe  der
Kunst  ist,  durch  ihre  Werke  in  jedem  Menschen  das  Beste  und  Edelste,  das  in  ihm  verborgen
ist,  auszulösen  und  die  Empfindung  in  das  Bewußtsein  zu  übertragen,  so  hat  sie  auch  in
unseren  Kolonien  eine  große  Ausgabe.  Denn  uns  sind  in  denselben  geschenkt  Länder  von
wilder  Schönheit,  von  einer  großartigen  Natur,  Tier-  und  Pflanzenwelt.  Es  liegt  in  dem
Wesen  der  Kolonisation,  daß  sie  diesen  Dingen  nicht  freundlich  ist,  daß  sie  zu  einer  gewissen
Zerstörung  und  Zurückdrängung  hinneigt  und  aus  materiellem  Interesse  in  das  Antlitz  von
Gottes  freier  Natur  hineinzukorrigieren  sucht.  Da  hat  die  Kunst  die  Sendung,  den  Sinn
für  das  Edle  und  Schöne  in  einer  freien  und  unberührten  Welt  zu  heben,  da  werden  der
Dichter  und  der  Musiker  wie  der  bildende  Künstler  der  deutschen  Nation  einen  großen  Dienst,
ihrer  ethischen  und  ästhetischen  Empfindung  einen  großen  Vorschub  leisten."  —  G.  M-
            
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