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Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule
Yves Guyot, geb. 6. Sept. 1843 in Dinan (Cotes-du-Nord)
ist Publizist und Mitglied einer Reihe von Kommissionen, stän
digen Ausschüssen usw. Vorübergehend war er Mitglied des
Pariser Gemeinderats, der Abgeordnetenkammer, sowie drei Jahre
Minister der öffentlichen Arbeiten.
Yves Guyot ist ein äußerst dogmatischer Geist und eine
temperamentvolle Kampfnatur. Sein Denken ist ein naturwissen
schaftlich-mathematisches. Mit statistischen Daten weiß er
virtuos umzugehen. Er ist der unversöhnlichste und leidenschaft
lichste Gegner des Sozialismus in Frankreich *). Die Prügel,
die ihm gelegentlich in reicher Menge für seine Polemik ver
abreicht wurden, haben seinen Kampfesmut womöglich noch
gesteigert. Mit kaum geringerer Verve, als gegen den Sozialis
mus, kämpfte er übrigens auch gegen Protektionismus und
Schutzzoll 2 ). Die meisten seiner Schriften haben eher den Cha
rakter von Tagesliteratur als den von wissenschaftlichen Werken.
Eine wirkliche Kompetenz besitzt er in Geld-, insbesondere Wäh
rungsfragen, sowie in der Zuckerfrage 3 ). Er hat auch ein Lehr
buch der Nationalökonomie verfaßt, das wenigstens den Vorzug
der Originalität hat 4 ).
Die Eigenart dieses Werkes beruht auf dem Formelsinn des
Autors. Er rechtfertigt diesen wie folgt: „Die Menschen streben
immer danach, die Gründe ihres Handelns zu vereinfachen.
Bewußt oder unbewußt gelangen sie so dazu, sich in ihrem
Handeln von irgend welcher Formel bestimmen zu lassen.
Darum besteht die Arbeit des Forschers darin, falsche Formeln
') Gegen den Sozialismus schrieb er hauptsächlich: Tyrannie Socialiste,
1893; Les Principes de 1789 et le Socialisme, 1894; La Comédie Socialiste,
1897 ; Les Conflits du Travail et leur Solution, 1903 ; Sophismes Socialistes et
Faits Economiques, 1907; Le Collectivisme Futur et le Socialisme Présent und:
La Banqueroute du Socialisme Scientifique in: Journal des Economistes vom
15. Juli 1906 und vom 15. Februar 1907.
*) Vg. La Comédie Protectionniste, 1905.
8 ) La Question des Sucres, 1903; La Question de l'Or, 1908; vgl. auch
Guyots Artikel in dem von ihm und A. Raffalovich herausgegebenen Diction
naire du Commerce, de l'Industrie et de la Banque, 2 Bde. 1900, seine Artikel
in Revue du Commerce, de l’Industrie et de la Banque, sowie Buch V seines
Lehrbuchs der Nationalökonomie.
4 ) La Science Economique, Schleicher, Paris 1881, 3. Aufl. 1907.