Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

wurde  bereits  gezeigt.  Man  mag  die  Handelsvertragspolitik,  für
die  er  sich  erklärt,  als  wohl  vereinbar  mit  freihändlerischer
Grundstimmung  ansehen  ;  zweifellos  bedeutet  aber  die  Rezeption
des  national  wirtschaftlichen  Gesichtspunktes,  die  Anerkennung
einer  Schutzberechtigung  des  inneren  Marktes,  einen  Bruch  mit
dem  traditionellen  Klassizismus.  Allerdings  sagt  auch  Leroy-Beaulieu
  an  einer  Stelle,  er  rechne  sich  ebensowenig  „zu  der
fälschlich  ,die  orthodoxe 1  genannten  Schule,  welche  man  auch
wohl  die  optimistische  oder  deduktive  nennt“,  als  zu  einer  der
neueren  *).  Man  darf  gleichwohl  in  diesem  Passus  nichts  anderes
sehen,  als  die  Äusserung  eines  stark  entwickelten  Selbstgefühls.
Den  Anhängern  der  liberalen  Schule  gilt  Paul  Leroy-Beaulieu
als  ihr  hauptsächlichster  Koryphäe,  und  mit  vollem  Recht.
Gewiß  kann  man  ihm  Originalität  und  eine  gewisse  Unabhängigkeit ­
  des  Urteils  nicht  absprechen;  aber  trotz  allen  Paktierens
mit  dem  Interventionismus,  trotz  aller  methodischen  und  inhaltlichen ­
  Verjüngung  der  klassichen  Lehre,  ist  und  bleibt  er  entschiedener ­
  Anhänger  der  universellen  und  permanenten  Naturgesetze ­
  des  Wirtschaftslebens  und  grundsätzlicher  Optimist  und
Nichtinterventionist.  Auch  ist  er  nicht  frei  von  der  Auffassung,
welche  Courcelle-Seneuil  am  unverhülltesten  vertrat,  daß
die  Volkswirtschaftslehre  zugleich  eine  Privatwirtschaftslehre  ist.
Häufig  ist  sein  Standpunkt  der  des  Kapitalisten,  des  Mannes,
dem  die  Nationalökonomie  die  Kenntnis  vermitteln  soll,  wie  eiserne ­
  Kapitalien  am  fruchtbarsten  anlegen,  wie  er  sein  Vermögen
am  besten  verwalten  könne 2 ).
Es  ist  nicht  zu  leugnen,  daß  die  reiche  Fülle  an  persönlichem ­
  Erfahrungsmaterial  den  Leroy-Beaulieu  sehen  Schriften
eine  Frische  und  Lebendigkeit  verleiht,  durch  welche  sie  sich
äußerst  vorteilhaft  von  der  „Literatur  der  Langeweile“,  wie
Thiers  die  Werke  der  klassischen  Schule  nicht  unzutreffend
kennzeichnete,  unterscheiden.  Sie  haben  jedoch  zwei  große
Fehler:  des  Verfassers  absoluten  Mangel  an  historischem  und
sozialpolitischem  Verständnis.  Letzterer  ist  eine  Folge  des  unbegrenzten, ­
  individualistischen  self-help  und  erstreckt  sich  so
ziemlich  über  die  ganze  liberale  Schule.  Ersterer  aber,  welcher

b  Traité,  Bd.  I,  p.  83.
2 )  Vgl.  Traité,  Bd.  I,  p.  75—76.
            
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