Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

an.  Seine  mit  großer  Akribie  durchgeführten  Begriffsbestimmungen ­
  begründet  er  damit,  daß  die  Beobachter,  welche  zuerst
wirtschaftliche  Erscheinungen  gesehen  und  benannt  haben,  diese
nicht  nach  ihrem  innern  Wesen,  sondern  nach  partiellen,  am
meisten  in  die  Augen  springenden  Gesichtspunkten  betrachtet
und  bezeichnet  haben.  Daher  die  Unklarheiten  und  Konfusionen,
von  denen  die  Volkswirtschaftslehre  wimmele.  Bastiat  drückte
denselben  Gedanken  mit  dem  geistreichen  Schlagwort  „ce  qu’on
voit  et  ce  qu’on  ne  voit  pas"  aus 1 ).
Die  Auffassung  Leroy-Beaulieus  und  Marshalls,
daß  die  Volkswirtschaftslehre  nicht  nur  Tatsachen  zu  beobachten, ­
  sondern  auch  die  Voraussicht  zu  ermöglichen  und  die  Vorbedach ­
  tsamkeit  zu  entwickeln  habe,  wird  von  d’Eichthal
besonders  urgiert.  Aus  der  wiederholten  Beobachtung  von  Tatsachen, ­
  die  sich  im  Laufe  der  Geschichte  sehr  oft  wiederholt
haben,  sagt  er,  kann  die  Nationalökonomie  Regeln  folgern,
welche  dem  Gesetzgeber  und  Politiker  als  Grundlage  zur  Voraussicht ­
  dienen  können.  Diese  Regeln  sind  keine  Naturgesetze;
denn  die  wirtschaftlichen  Erscheinungen  haben  nicht  den
Charakter  von  Unveränderlichkeit,  welcher  physisch  gewisse
Voraussichten  ermöglicht.  Ursachen  der  Veränderlichkeit  jener
Erscheinungen  sind:  Verschiedenheiten  in  der  individuellen
Schätzung  der  wirtschaftlichen  Vorteile  ;  Umstände  der  Zeit,  der
Rasse,  des  Milieus,  der  Sitten  ;  Leidenschaften,  Aberglauben  usw.
Das  Gesetz  der  großen  Zahl  bewirkt  jedoch,  daß  diese  Veränderlichkeit ­
  sich  in  bestimmten  Grenzen  hält.  Die  Ökonomik
stützt  sich  auf  den  Glauben,  daß  die  Gesamtheit  der  Tendenzen, ­
  Instinkte,  Gewohnheiten,  Voraussichten  der  Menschen
genügend  konstant  ist,  um,  bei  langer  und  sorgfältiger  Beobachtung, ­
  die  Grundlage  einer  wirklichen  Wissenschaft  abzugeben, ­
  d.  h.  einer,  wenn  auch  nicht  unbedingt  gewissen,  so
doch  genügend  sichern  Voraussieht  der  Tatsachen,  welche  inneri)

  E.  d'Eichthal,  La  Formation  des  Richesses,  Paris,  1906,  p.  II,  XIX.  —
Nach  d’Eichthal  ist  z.  JB.  die  Tatsache,  daß  durch  die  Jahrhunderte  die  Berechtigung ­
  des  Zinses  als  Entlohnung  für  das  leihweise  Überlassen  produktiver  Güter,
wie  Boden  oder  Werkzeuge,  anerkannt,  während  der  Zins  als  Entlohnung  von
Gelddarlehen  verurteilt  wurde,  eine  Folge  falscher  Vorstellungen  über  das  Wesen
der  Güter  und  Edelmetalle,  für  welche  in  erster  Linie  die  sprachlichen  Bezeichnungen ­
  dieser  Dinge  verantwortlich  zu  machen  sind.  ibid.  p.  111.
            
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