Contents: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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sonnen. Und so sehr die Typik des Standes in den wichtigsten 
seiner Vertreter gewahrt wird, so ist doch alles aktuell belebt: 
der Hintergrund der französischen Revolution leuchtet auf, und 
selbst die Moden der Zeit finden Berücksichtigung: man kann 
das Stück auf eine ganz bestimmte Zeit eindatieren: das Jahr 
1796, da Moreau über den Rhein geht, Frankfurt beschossen 
und Schwaben von den französischen Heeren überschwemmt 
wird. Und dennoch auf der anderen Seite die vollste Dar—⸗ 
legung des Allgemein-Menschlichen! Sie wird erreicht, indem 
die Gestalten in der Typik ihres Gehaltes ein wenig über die 
Darlegung ihrer sonstigen Eigenschaften erhöht werden: so er⸗ 
halten sie etwas von der Plastik des modernen malerischen 
Idealismus eines Millet, Böcklin oder Klinger; die Umwelt 
tritt, wie scharf auch immer gezeichnet, hinter sie zurück, und 
ndem sie das gehobene Wesen bestimmter Berufe wider— 
zustrahlen scheinen, vereinigen sie sich zur durchsichtigsten 
Charakteristik der Totalität einer menschlichen Gesellschaft. 
„Hermann und Dorothea“ ist 1797 entstanden, das „Lied 
von der Glocke“ 1799: man darf wohl sagen, daß sie den 
Kreis menschlichen Daseins, in der besonderen Lebensluft 
deutsch-bürgerlicher Entwicklung des 18. Jahrhunderts erfaßt, 
böllig und durchaus der Eigenart der beiden großen Dichter, die 
sie schufen, wie dem Wesen ihrer gemeinsamen Anschauungen 
entsprechend umschließen. Und so sind sie zu Lieblingsdichtungen 
der Nation geworden und haften ganz oder teilweise im Ge— 
dächtnisse von Tausend und Abertausend ja von Millionen 
Deutschen: und auch keiner der Fremden, der ihre deutsche 
Schönheit einmal empfunden hat, wird sie je wieder vergessen. 
Das Epos ist, welcher Art es auch sein mag, unter allen 
Umständen eine konzentrierte Erzählung; in ihm drängt die 
Handlung in bestimmtem Sinne einem bestimmten Ziele zu, 
und danach regeln sich die Einzelheiten der Formgebung. 
Anders der Roman. Der Roman ist, um mit Goethe zu reden, 
„eine subjektive Epopöe, in welcher der Verfasser sich die Er— 
laubnis ausbittet, die Welt nach seiner Weise zu behandeln“; 
er ist ein Gemälde, vielleicht eine Gemäldesammlung, die zu
	        
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