Das sozialkatholische Zentrum
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zahl ist mit 10000 eher zu niedrig bemessen. Was die Arbeiter
berufsvereine betrifft, so bildet deren Gründung und Ausbreitung
zwar einen wesentlichen Programmpunkt der sozialkatholischen
Doktrin ; das ganze Zukunftsideal der korporativen Wirtschafts
ordnung ist auf dieselben aufgebaut. Bis jetzt aber ist man im
sozialkatholischen Lager in der Hauptsache darauf angewiesen,
Einfluß auf Arbeitsbörsen, „gelbe“ und „rote“ Syndikate zu er
streben.
Der volkswirtschaftliche Unterricht an den katholischen
Universitäten Frankreichs 1 ) bewegt sich traditionell im Fahr
wasser des Nichtinterventionismus. Eine Ausnahme macht je
doch Lille. Dort besteht eine 1893 gegründete Ecole des
Sciences sociales et politiques, welche mit der juristischen
Fakultät des dortigen Institut catholique verbunden ist. An der
selben kommen katholische Volkswirte aller Richtungen und
auch des Auslandes zum Wort. Die Schule ist in erster Linie
für Juristen, welche sich der politischen Laufbahn oder der
Journalistik widmen wollen, sowie für junge Geistliche bestimmt.
Sie umfaßt drei Abteilungen: 1. allgemeine Vorlesungen,
2. Spezialvorlesungen, 3. praktische Arbeiten. Neuerdings wur
den noch „Conférences d’Anthropologie et de Biologie“ ange
gliedert. Die Vorlesungen der ersten Abteilung sind die durch
die staatlichen Unterrichtsprogramme für die juristischen Fakul
täten vorgeschriebenen staatsrechtlichen und nationalökonomi
schen Vorlesungen. Diese erstrecken sich auf vier Jahre und
bereiten auf das juristische Lizentiat bezw. auf das „Doc
torat ès-sciences politiques et économiques“ vor. Zu den vor
geschriebenen Lehrfächern: Staats-, Verwaltungs- und Völker
recht, vergleichendes Verfassungsrecht und Geschichte des
öffentlichen Rechts in Frankreich, treten an der katholischen
Universität Lille: Naturrecht, Kirchenrecht und Apologetik. Die
Vorlesungen der nationalökonomischen Abteilung sind: National
ökonomie für das Lizentiat und Nationalökonomie für das Doktorat,
dann die Doktoratsfächer : Geschichte der volkswirtschaftlichen
>) Bis August 1909 bestanden sechs Instituts catholiques in Paris, Lyon,
Lille, Angers, Toulouse und Bordeaux. Durch päpstliches Breve wurden neuer
dings diejenigen von Lyon, Angers, Toulouse und Bordeaux aufgehoben. Nur
die von Paris und Lille bestehen zur Zeit fort.