350 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart
wiegende und mißbräuchliche Stellung zum Schaden der Arbeit
einräumt,“ verdammen. In vielen Punkten jedoch, die den
Kapitalismus betreffen, sei man noch zu keiner definitiven
Lösung gekommen *). Das Werk von Tur mann hat den schätzbaren
Vorzug, den deduktiven, scholastisch-philosophischen Aufbau
des sozialkatholischen Systems bis in die letzten Verästelungen
der schier endlos detaillierten, interventionistischen Maßnahmen
überraschend klar vor Augen zu führen. Während aber
der Sozialkatholizismus für de la Tour du Pin etwas spezifisch
Französisches ist, sucht ihn Tur mann als international zu erweisen
2 ).
Der Dominikaner A. D. Sertillanges, Professor der Ethik
am Institut catholique in Paris, hat Vorlesungen über den Sozialismus
veröffentlicht 3 ), in welchen seine Sympathien für die christlichen
Demokraten und sein nach links gerichteter Standpunkt
zum Ausdruck kommen. Neben den bereits früher erwähnten
Peden von A.deMun sind diese V orlesungen von Sertillanges
die beste Quelle zur Orientierung über die vielen Berührungspunkte
zwischen dem Sozialkatholizismus und dem Sozialismus.
Diesem letzteren am nächsten von allen Sozialkatholiken
steht Raoul Jay, Professor an der juristischen Fakultät des Staates
in Paris. Er hat sich durch eine Reihe von streng wissen-')
ibid. p. 151 ff., p. 169.
2 ) Von andern Werken, welche sich mit der Darstellung der sozialkatholischen
Doktrin befassen, sind noch die Dissertationen von Nonicat und M. EbU
zu nennen, sowie das ganz vorzügliche Werk von Oscar de Férenzì, L’Union
des Catholiques de France. Das Kapitel: Catholicisme social dieses Werkes
zeichnet in scharfen, eindrucksvollen Zügen alle wesentlichen Elemente der
sozialkatholischen Doktrin. Die Dissertation von Pierre Monicat (Contribution
à l’Etude du Mouvement social-chrétien au XIX me siècle, Lyoner Dissertation,
1900) kann als Einführung in die Ideenwelt, die uns hier beschäftigt, und als
Materialiensammlung empfohlen werden. Die Dissertation von Maurice EbU
(Les Ecoles catholiques d’Economie politique et sociale en France, Pariser
Dissertation, 1905) gibt insofern ein unrichtiges Bild von der tatsächlichen Lage
der Dinge, als sie im Übereifer rationaler Analyse die trennenden Momente im
katholischen Lager viel zu scharf betont und geradezu künstlich ausbaut. Der
Verfasser muß sich bewußt gewesen sein, daß er zu weit gegangen, denn im
Schlußkapitel gibt er sich redlich Mühe, möglichst viele Berührungspunkte der
verschiedenen Standpunkte aufzudecken, welche eine zukünftige Vereinheitlichung
der Anschauungen in sichere Aussicht stellen.
3 ) A. D. Sertillanges, Socialisme et Christianisme, Paris, 1905.