Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

Zur Geschichte des Solidaritätsbegriffes 
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noch einen guten Klang in Arbeiterkreisen und bedurfte keines 
Ersatzes. 
Bei Bastiat tritt die Idee auf in der Bedeutung kollektiver 
Verantwortlichkeit der Glieder eines Ganzen 1 ). Gelegentlich 
blitzen aber außerdem bei ihm intuitive Ausblicke auf eine 
Fülle von Solidaritätserscheinungen auf, welche erst die Sozio 
logie unserer Tage systematisch zu erforschen begonnen hat 2 ). 
Die Rolle, welche die Solidaritätsidee im Geistesleben der 
französischen Nation in der Gegenwart spielt, mag durch folgende 
Übersicht veranschaulicht werden: 
1. Die liberalen Volkswirte, insbesondere de Molinari 
und Yves Guyot, sprechen von einer Solidarität, welche sich 
aus Arbeitsteilung und Arbeitsvereinigung, Tausch und Kon 
kurrenz ergibt. Sie besteht zwischen Arbeitgebern und Arbeitern, 
zwischen Produzenten und Konsumenten und, wie J. B. Say 
sagte, zwischen allen Gewerben und allen Völkern 3 ). 
2. Die Biologie stellt als Ergebnis ihrer Forschungen hin, 
daß die Solidarität als gegenseitige Abhängigkeit aller Teile 
desselben Körpers a) das Charakteristikum des Lebens ist; b) 
um so vollkommener und intensiver ist, als das Individuum auf 
höherer Stufe steht; c) im direkten Verhältnis zur Difl'erenzie- 
b Bastiat, Harmonies économiques, cap. 21, Ausgabe Paillottet, Paris 
1854, p. 559 ff. 
2 ) Zum Beispiel: „La société tout entière n’est qu’un ensemble de soli 
darités qui se croisent. Cela résulte de la nature communicable de l’intelligence. 
Exemples, discours, littérature, découvertes, sciences, morale etc., tous ces cou 
rants inaperçus par lesquels correspondent les âmes, tous ces efforts sans liens 
visibles dont la résultante cependant pousse le genre humain vers un équilibre, 
vers un niveau moyen qui s’élève sans cesse, tout ce vaste trésor d’utilités et de 
connaissances acquises, où chacun puise sans le diminuer, que chacun augmente 
sans le savoir, tout cet échange de pensées, de produits, de services et de tra 
vail, de maux et de biens, de vertus et de vices qui font de la famille humaine 
une grande unité, et de ces milliards d’existences éphémères une vie commune, 
universelle, continue, tout cela c’est la Solidarité.“ ibid. p. 562. 
8 ) Yves Guyot schreibt z. B. in „La Morale de la Concurrence“: „Der 
Produzent ist beständig um das Wohlergehen der Konsumenten besorgt ... er 
denkt an die ganze Menschheit . . . Der Kaufmann, der Transportunternehmer 
sind beständig auf der Suche nach dem, was den Leuten, für die sie arbeiten, 
am besten passen könnte, sowie nach Mitteln, ihren Kundenkreis zu erweitern, 
d. h. einer größeren Anzahl von Menschen Dienste zu erweisen.“ Zitiert bei 
Ch. Gide und Ch. Rist, Histoire des Doctrines économiques, Paris 1909, p. 693.
	        
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