Der Solidarismus bei Charles Gide
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Kulturstaaten nehmen, dazu bestimmt scheint, alle andern zu
überflügeln : das ist die Konsumgenossenschaft x ).
Die Tatsache des Verbrauchs ist zunächst die universellste
aller wirtschaftlichen Tatsachen, denn jeder Mensch konsumiert.
Der Verbrauch ist kein zufälliger, pathologischer Akt, er ist der
normale, beständige Akt des Lebens. Er strebt seiner Natur
nach nach Gleichförmigkeit und nähert die Menschen einander,
während die Produktion die Tendenz hat, Menschen und Dinge
zu differenzieren.
Der Konsumverein bewirkt in diesem Sinn eine gewisse
Beseitigung der Arbeitsteilung, indem er z. B. Arbeiter zu
Bäckern und Krämern, Professoren zu Wirten macht ; er zwingt
uns, uns selbst zu bedienen, statt uns auf automatische Berufs
organisationen zu stützen. Der Produktion wohnen Konkurrenz
und Rivalität inne; der Konsumverein eint die Menschen zu
täglicher Zusammenarbeit. Der Tausch beruht auf dem „do ut
des“ ; die Konsumgenossenschaft auf dem Grundsatz „Jeder für
alle“. Sie hat einen hohem sittlichen Wert als der Tausch,
1. weil sie nicht nur eine Geldzahlung impliziert, sondern auch
ein gewisses persönliches Opfer an Zeit, Arbeit und Unabhängig
keit ; 2. weil sie nicht eine bloß einmalige augenblickliche
Handlung darstellt, sondem eine unbegrenzte Mitarbeit der be
teiligten Parteien.
In dem Maße, als die Menschheit zu reichlicherer Güter
versorgung fortschreitet, entwickelt sich die solidaristische Be
dürfnisdeckung. Die bisher in den Kulturstaaten vorhandenen
Konsumvereine stellen nur eine grobe, unvollkommene Form
dieses Genossenschaftstypus dar. Die Möglichkeiten eines solchen
Typus sind unbegrenzt. Er kann ebensogut zur Befriedigung-
immaterieller als zu der materieller Bedürfnisse dienen. Alle
freien Kirchen sind Konsumgenossenschaften. Ja, der Konsum
verein wird der Arbeiterklasse weit größere Dienste leisten, als
die Berufsgenossenschaft, weil die Kraft der Arbeiter weit mehr
in ihrer Konsum- als in ihrer Produktionsfähigkeit liegt.
Von der Konsumvereinsbewegung erwartet Gide eine
x ) Essai d’une Philosophie de la Solidarité, p. 229 ff. — Gide, Cours d’Econ.
polit, p. 725 ff. — Gide et Rist, Histoire des doctrines économiques, p. 690 ff.
— Gide, La Coopération, passim. — Gide, De la Solidarité comme programme
économique, in: Revue internationale de Sociologie, 1893.
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich.
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