Full text : Die Arbeiterfrage

liehe  Brennereien  am  Detailverkauf,  jedoch  durch  Beschluß  des
Gladbecker  Wirtevereins  kam  es  zu  einem  Boykott  über  alle
Brennereien,  welche  über  21  Liter  an  Detailkaufer  abgaben.
Augenblicklich  trotzt  noch  eine  einzige,  in  Dorsten  liegende
Brennerei  dem  Ansturm  des  Gladbecker  Wirtevereins.  Diese
Brennerei  ist  nun  das  tägliche  Ziel  einer  Anzahl  Berufskollegen.
Ich  habe  mir  einmal  die  Mühe  gemacht,  eine  solche  Kumpelwanderung ­
  zahlenmäßig  festzustellen,  die  alle  mit  großen  Korbflaschen ­
  bewaffnet  nach  Dorsten  fuhren.
Es  nahmen  Billette  nacli  Dorsten:
Mann:  Mutmaßliches  Literquantum:

Montags

27

205

Dienstags

13

90

Mittwochs

18

125

Donnerstags

34

(Lohntag)

285

Freitags

68

400

Sonnabends

53

360

213

1465

Der  Preissatz

P r °

Liter  beträgt  in

oben  angegebenen

ten,  in  der  Brennerei  eingekauft  60  Pf.  Also  ungefähr  879  Mark
wandern  vierzehntäglich,  nur  auf  das  geographisch  eng  begrenzte ­
  Gladbeck  berechnet,  in  die  Tasche  der  unersättlichen
Schnapsbrauer.  Auch  viele  Frauen  besorgen  ungeniert  mit  der
Korbflasche  in  der  Hand  den  Giftstoff  für  ihre  Männer.  Dazu
kommt  noch  der  riesige  Lokalverbrauch.“
Im  Gegensatz  zu  den  etwas  trüben  Bildern  muß  konstatiert ­
  werden,  daß  der  Essener  Parteitag  der  Sozialdemokratie
vom  Jahre  1907,  auf  welchem  der  erste  entscheidende  Schritt
auf  dem  Kriegspfad  gegen  den  Alkohol  getan  wurde,  einen
großen  Einfluß  auf  den  Alkoholkonsum  gehabt  hat,  jedenfalls
ist  die  moralische  Wirkung  nicht  zu  unterschätzen.  617  Arbeiter
erklärten,  daß  sie  seit  dem  Schnapsboykott  nicht  mehr  trinken.
Die  Herstellung  von  Branntwein  ist  von  4,3  Millionen  Hektoliter ­
  im  Jahre  igo8/og  auf  3,6  Mill.  Hektoliter  für  igog/io  gesunken.
Deutlicher  noch  sind  folgende  Zeilen:  für  Genußzwecke  wurden ­
  igo8/og  2,7  Millionen  Hektoliter  abgesetzt  =  4,2  Liter  pro
Kopf  der  Bevölkerung  dieses  Jahres,  igog/io  nur  mehr  1,8  Millionen ­
  Hektoliter  =  2,8  Liter  pro  Kopf.  Um  ein  volles  Drittel,
1,4  Liter,  ist  der  Konsum  zurückgegangen.
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Immerhin:  von  den  Bergarbeitern  hielten  19,7  °/o  den  Alkohol ­
  für  unentbehrlich,  von  den  Textilarbeitern  5,9,  von  den
Metallarbeitern  5,6  o/ 0 .  Forscht  man  den  Ursachen  nach,  so  sind
hauptsächlich  drei  Gründe  für  den  Genuß  von  Alkohol  durchschlagend. ­
  Erstens  als  Nervinum,  welches  die  Muskelarbeit  för-i
dert,  die  Arbeitslust  anregt,  zweitens  Kummer  und  Elend  werden
nach  dem  Genüsse  des  Alkohols  auf  einige  Stunden  vergessen,
drittens  als  Betäubungsmittel  gegen  stumpfsinnige  Arbeit.

1.  Finden  Sie  Ihr  Vergnügen  mehr  in  der  Familie  oder  im
Wirtshaus,  und  halten  Sie  den  Genuß  von  Alkohol  für  entbehrlich, ­
  oder  können  Sie  nach  dem  Genüsse  desselben  besser
arbeiten?

Bergarbeiter.

Entlohnungsform:  durchweg  Akkord.

<
JhiT

*

■a  s  g
W  J3  <u
■Sgs

M.

M
C
3
6C

<  O

ca

20

21

22

23

24

15-30,—

16,—
16,80

Hauer

Bergmann ­

Bergmann ­


Bergmann ­


30,—j  Bergmann ­


Ich  halte  den  Alkohol  für  unentbehrlich
denn  nach  jeder  sauren  Arbeit  muß  man
einen  trinken,  wenn  nicht  wird  man  ver-^
rückt.  (4.)  [B.  Schles.]
Familie  keine  vorhanden.  Wirtshaus  liebend. ­
  (3.  t.)  [B.  R.]
Ich  verabscheue  den  Alkohol  und  kann  bestätigen, ­
  daß,  wenn  ich  mir  einen  Rausch
angetrunken  habe,  den  andern  Tag  nicht
arbeiten  kann.  (3.)  [B.  Schles.]
In  der  Familie  habe  Ich  kein  Vergnügen.
(4.)  [B.  Schles.]
Den  Genuß  von  Alokohl  halte  ich  für  vollständig ­
  entbehrlich.  Nach  dem  Genuß  von
Alkohol  kann  man  gut  schlafen,  das  ist

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