Das Wesen der Gesellschaft.
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Sachverhaltes. Wir können diesen Typus etwa als Gebundenheit von demjeni-
gen der eigentlichen Verbundenheit unterscheiden. Als Beispiel sei hier kurz das
Phänomen des Versprechens angeführt!). Ein Versprechen ist mehr als eine Willens-
erklärung einer Person. Es ist in Wirklichkeit eine Verabredung über Geben und
Nehmen einer Leistung durch Erklärung und Annahme. Das Versprechen erzeugt so
einen spezifischen Zustand innerer Gebundenheit.
3. Die eben erörterte Resonanz segt einen Gegenspieler vor-
aus. Zum Wesen des Soziallebens gehört also die Existenz solcher
Gegenspieler. Ein Sozialleben ist nur da möglich, wo dem Ich Partner
entgegentreten, die mit der Fähigkeit zur inneren Verbundenheit ebenso
ausgestattet sind wie das Ich selbst. Durch diese Fähigkeit zur Resonanz
unterscheidet sich der Partner des Sozialverhältnisses von den resonanz-
losen Objekten, die als Sach en aufgefaßt werden. Auch unsere Sprache
trägt dieser Unterscheidung Rechnung, indem sie bei den Fürwörtern
eine zweite Person von der dritten unterscheidet: in idealtypischer Rein-
heit betrachtet, bedeutet das „D u“ den Gegenspieler im Sozialverkehr,
das „Es“ oder „Er“ das resonanzlose Objekt. Es ist charakteristisch,
wie die gleiche Unterscheidung noch einmal im Bereich der menschlichen
Beziehungen selber von unsrer Sprache durchgeführt wird: das „Du“ ist
beschränkt auf intimere menschliche Verhältnisse, d. h. auf solche, in
denen normalerweise eine volle Resonanz besteht; dagegen gebrauchen
wir das „Er“ oder „Sie“ (als dritte Person der Mehrzahl) da, wo eine
größere Distanz besteht, die die innere Verbundenheit nur unvollkommen
aufkommen und das persönliche Verhältnis dem Sachverhältnis sich an-
nähern läßt. Jedenfalls bedeutet das Wort „Du“, wo es den vollen Sinn
hat, dessen es überhaupt fähig ist, ein spezifisches soziales Verhältnis,
ebensogut wie das Wort „Wir“ entsprechend verwendet das spezifische
Verhältnis des Wirbewußtseins ($ 12,,) bedeutet. Man kann demgemäß
von einer Phänomenologie des Du sprechen. Wir erleben
das Du als ein Wesen, das in vollem Gegensatz zur Sache steht. Die Sache
ruht in sich, empfängt nur von außen Wirkungen und entläßt solche
ebenso aus sich, ohne in ihrem Wesen davon berührt zu sein. Die Sache
ist also völlig abgegrenzt gegen das Ich und durch eine Kluft von ihm
geschieden. Ein Du bedeutet in allen diesen Beziehungen das volle
Gegenteil, nämlich die Fähigkeit und Bereitschaft zur inneren Verbun-
denheit: das Du kommt dem Ich entgegen, wenn dieses aus sich heraus
tritt, und lockt es aus sich heraus. Die Vorstellungen, die wir über die
Welt der räumlichen Objekte (d. h. zugleich über die Gegenstände der
Naturerkenntnis) ausgebildet haben, passen nicht für das Du. Die ganze
Raum- und Sachlogik paßt nur auf Sachen, nicht auf resonanzfähige
Gegenstände.
1) Vel. Reinach in Husserls Jahrbuch für Philosophie I. 718 flg.