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Erstes Buch, Cap. 1.
Viele spätere Artikel u. dgl. unterschrieb er mit dem
Titel seines ersten grösseren Werkes: „Gesunder Menschen-
verstand“. Diese Gabe besass er entschieden im höchsten
Maass. ‘ Er ergriff die Ideen des Individualismus mit Feuer-
eifer und gab ihnen ‚einen äusserst scharfen, verständlichen,
wirksamen Ausdruck. Es fehlte ihm an ausgebreiteter Kennt-
niss der Literatur, an wirklich wissenschaftlicher Schulung.
Aber die Ideen, die er einmal hatte, wusste er mit grösster
Eindringlichkeit, einfach und doch erschöpfend,, klar und nie-
mals langweilig darzustellen.
Er appellirte immer nür an den gesunden Menschenver-
stand, an diesen aber mit Erfolg, und der wissenschaftlich ge-
bildete Leser selbst muss zugestehen, dass Paine gewisse Zeit-
ideen in eine ungewöhnlich charakteristische und deshalb
interessante Form gebracht hat.
So roh er war, er hatte doch etwas Geniales, wie Leslie
zugesteht. In manchen Punkten freilich vertrat er nicht nur
höchst einseitige Principien, Sondern liess sich einfache Irr-
thümer zu Schulden kommen, wie z, B. in Fragen des Staats-
schuldenwesens u. dgl. Aber es ist doch in der That stau-
nenswerth, wie-richtig er die Kräfte Englands und Amerikas
abwog, wie er. betreffs der Frage der Secession praktisch
immer den Nagel auf den Kopf traf. Nicht minder staunens-
werth ist, wie der von Hause ungelehrte Schriftsteller bei
seinen Beweisen für die Unechtheit der Bibel zwar auch immer
nur an den gesunden Menschenverstand appellirt, eine --oft
merkwürdige Unkenntniss der Literatur; ja sogar (im ersten
Theil des Zeitalters der Vernunft) der Bibel selbst an den
Tag legt, aber. doch Beweismittel anwendet, die dem Ge-
dankengange nach von einem historischen Kritiker der neue-
sten Schule ausgehen könnten..
Paine’s Schriften zerfallen in politische und religiöse *);
sie sind. erst in jüngster Zeit neuerdings in deutscher Ueber-
setzung herausgegeben und werden in Amerika noch stark
1) Die politischen Schriften citire ich nach der Stereotypausgabe in
? Bänden. Philadelphia 1870.