Full text: Rationalisierung als Kulturfaktor

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B. Betrachtungen 
sein sinnliches Dasein hinaus zu Begriffen des sittlichen, von den 
Begrenztheiten des eigenen Daseins unabhaͤngigen Gedankens zu 
erheben. Schopenhauer sieht in ihr das Mittel, das innere Wesen 
einer Kulturerscheinung, ihre Idee unmittelbar zu erfassen und dar⸗ 
zustellen. 
Um die Erfassung und Darstellung einer „Idee“ handelt es sich 
nun aber auch bei jenen Rationalisierungsvorgaͤngen, die wir 
Typisierung und Normalisierung nennen. Auch sie erfordern die 
Versenkung in das „innere Wesen einer Kulturerscheinung“. Auch sie 
stellen in ihrer Art die volllommenste Lösung dar, den Wesensausdruck, 
die Einheit als Zusammenfassung zahlloser Einzelheiten. Auch sie sind 
sonach Elemente der Abstraktion. 
Damit ist freilich noch nicht gesagt, daß der Typus an und für 
sich auch schon künstlerische Vollkommenheit in sich birgt. Um den 
aͤsthetischen Charakter der technisch⸗typischen Losung geht vielmehr 
seit Jahrzehnten ein heftiger Streit. Zwar hat das ästhetische Gefühl 
seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine ent⸗ 
schiedene Wandlung durchlebt. Während noch um die Wende des 
19. Jahrhunderts die Schönheit des Zweckmäßigen schlechthin ge⸗ 
leugnet und Kunst nahezu mit Putz gleichgesetzt, jeder dicke Formballast 
pflichtschuldigst bewundert wurde“ ), setzt sich vom ersten Jahrzehnt 
des 20. Jahrhunderts ab die Freude an der Ratio durch, an der 
immanenten Logik der Funktionen. Der Gegensatz von Zweck und 
Form scheint überbrückbar, die Erkenntnis erwacht, daß das Un⸗ 
praktische nicht schoͤn sein könne, das aͤsthetische Gefühl beginnt sich 
gegen die Zumutung zu sträuben, daß nur das Überflüssige ästhetisch 
wertvoll sein soll. 
Naheliegenderweise gewinnen solche Überzeugungen am frühesten 
und staͤrksten in den am meisten zweckbestimmten Künsten Raum: 
in der Architektur und im Kunstgewerbe. Schon 1895 schreibt Otto 
x) Adolf Behne, Der moderne Zweckbau, Drei⸗Masken⸗Verlag, München, 
Wien, Berlin 1926, S. 10.
	        
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