Object: Reparations-Sabotage durch die Weltwirtschaft

Weltwirtschaftliche Grundlagen einer deutschen Reparationspolitik, 95 
nicht den Unterschied zwischen privatwirtschaftlichen Schulden und volkswirt- 
schaftlicher Kapital-„Einlage‘‘ und denkt an Rückzahlung und Rückzahlungsmög- 
lichkeit, Solches Denken, das Röpke wohl mit der ganzen Literatur und der 
öffentlichen Meinung gemeinsam hat, ist letzten Endes juristiscahes und 
nicht wirtschaftliches Denken und geht etwa von der Schädlichkeit von 
Schulden aus, in die ein Beamter oder sonst jemand mit relativ kleinem und vor 
allem im voraus bereits total disponiertem Einkommen gerät. Bei der Aktien- 
gesellschaft hat sich die öffentliche Meinung bereits stärker daran gewöhnt, Obli- 
gationen, Hypotheken oder sonstige „Schulden‘“ als Betriebsmittel anzusehen, 
welche sich — abgesehen von dem extremen Fall des Konkurses — nur nach der ju- 
ristischen Form und nach der Teilnahme am Ertrag der Unternehmung von dem 
Aktienkapital als Betriebsmittel unterscheiden, Es wird nichts anderes übrig bleiben, 
als daß sich öffentliche Meinung und Literatur dazu aufschwingen, bei der Betrach- 
tung der internationalen „Verschuldung‘‘ der Länder untereinander noch einen 
Schritt weiter zu gehen und diese Schulden ohne jede Rücksicht auf ihre juristische 
Kontraktform wie das nicht mit Rückzahlungsverpflichtung belastete Kapital von 
Aktiengesellschaften anzusehen, also den Gedanken der Rückzahlung 
überbaupt nicht mehr zu denken‘?). Ferner finden sich auch bei den schon 
früher zitierten Autoren vereinzelte Anklänge an unsere Ideen, so namentlich bei 
Weber und v. Beckerath. 
Besonders zu gedenken ist dann des unentwegten Kämpen Alfred Lans- 
burgh, der in seiner Zeitschrift „Die Bank“, Monatshefte für Finanz- und 
Bankwesen, seit je der Wissenschaft und Praxis hervorragende Dienste leistet, 
Im Dezember-Heft‘ 1927?) bringt er einen Artikel „Transfer“ (Das Problem der 
Kapitaleinfuhr und -ausfuhr), in dem er zu ähnlichen Ergebnissen gelangt, wie 
wir sie namentlich in dem Kapitel über die Konsolidierung von Zahlungsbilanz- 
salden. aufgestellt haben, nur daß er annimmt, durch den „Kapitalsammlungsakt“ 
der Reparationssteuern entstehe ein Preisdruck auf die Warenpreise, wodurch ein 
Notventil gegen die Überschreitung der oberen Goldgrenze geöffnet werde. „Die wirt- 
schaftlichen Transferstörungen bleiben weithin hinter dem gefürchteten Ausmaß 
zurück, weil das Ausland dem transferierenden Lande freiwillig beim Transfer 
hilft.“ — „In der Zukunft eine gesteigerte Leistungsfähigkeit, herbeiführt durch... 
und endlich durch den Zufluß kompensierenden Auslandskapitals, das dem Lande 
die produktionstechnische Ausnutzung der besonders gearteten ‚Transfer-Export- 
konjunktur‘ gestattet. Also im ganzen genommen eine Erziehung zu gesteigerter 
Leistungsfähigkeit, deren Spitze sich mit der Zeit immer bedrohlicher gegen die 
derzeitigen Nutznießer des Transfer richtet.“ 
Wie weit Cassel in seiner Erkenntnis gekommen ist, zeigt folgender Satz 
seiner Ausführungen im Januarbericht der Amsterdam’schen Bank®). „Solange die 
Güter, über welche der Reparationsagent verfügt, in Deutschland bleiben, bilden 
sie einen Teil des der deutschen Wirtschaft dienenden Realkapitals. Trotzdem sie 
einem Fremden gehören, spielen sie also für die deutsche Produktion eine wich- 
tige Rolle.‘ Wenn Cassel dann fortfährt: „Die Transferierung beraubt Deutsch- 
land eines Kapitals und bewirkt also eine Verknappung der ‚inneren deutschen Ka- 
pitalversorgung,‘ so zeigt sich damit der entscheidende Punkt, an dem die Er- 
2 S. auch die früheren Ausführungen in Abschnitt 2f und den dort zitierten Artikel von 
Gestrich. 
2) Bank-Verlag, Berlin W, Manteinstr, 9, 
3) Industrie- und Handelszeitung, 26.. Januar 28.
	        
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