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Die Konsumtion

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Bibliographic data

fullscreen: Die Konsumtion

Monograph

Identifikator:
1011553732
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-36206
Document type:
Monograph
Author:
Oldenberg, Karl http://d-nb.info/gnd/117116246
Title:
Die Konsumtion
Edition:
Separatabdruck aus Grundriß der Sozialökonomik Abteilung II
Place of publication:
Tübingen
Publisher:
J. C. B. Mohr
Year of publication:
1914
Scope:
1 Online-Ressource (Seiten 103-164)
Digitisation:
2018
Collection:
Economics Books
Usage license:
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Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
§ 4. Wertmaßstäbe der Konsumtion
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Die Konsumtion
  • Title page
  • Contents
  • § 1. Die Literatur
  • § 2. Der Begriff
  • § 3. Wirtschaftlichkeit in der Konsumtion
  • § 4. Wertmaßstäbe der Konsumtion
  • § 5. Allgemeine Statistik der Konsumtion
  • § 6. Haushaltsrechnungen
  • § 7. Moderne Wandlungen der Konsumation
  • § 8. Zukunftsfragen der Konsumtion
  • § 9. Konsumtionspolitik
  • § 10. Speziell Einfluß der Steuer auf die Konsumtion
  • Index

Full text

Wertmaßstäbe der Konsumtion. 
117 
§ 4 
mehr oder weniger ausgereiften Ideen der erschöpften Phantasie gewerbsmäßiger 
Modemacher aufhilft und die Zügel an sich reißt 1 ); auch sie findet eine folgsame 
Kundschaft. Am ehesten wird eine solche Einflußnahme auf die Fabrikation von 
Gütern länger dauernden Gebrauchs gelingen, wie Wohnung und Wohnungsein 
richtung, im Gegensatz zu Kleidungsstücken, bei denen die atemlose Saisonmode 
herrscht, regiert vom Schneider und von den Löwinnen der Bühne und der Halb 
welt. Selbst Konsumentenvereine für Verbesserung der Frauenkleidung oder der 
Männertracht, wie sie neuerdings versucht worden sind, dürften auf diesem Lieb 
lingsgebiete der Mode ebenso einflußarm bleiben, wie in einem ähnlichen Falle Haus 
frauenvereine in der Preisbildung des Nahrungsmarkts; die Zahl der Konsumenten ist 
größer, das Interesse jedes Einzelnen kleiner, als Zahl und Interesse der Produzenten. 
Kaum jemals werden diese konventionellen Aufwendungen ganz willkürlich ge 
wählt, sondern sie knüpfen zunächst an wirklich empfundene Bedürfnisse an. Man 
hat mit Recht hervorgehoben, daß die natürlichen Existenzbedürfnisse des Menschen 
im Ablauf der Kulturgeschichte durch ästhetische und sittliche Modifikationen ver 
feinert und, ihrem wirtschaftlichen Werte nach, gesteigert werden. Diese Ver 
feinerung natürlicher Bedürfnisse ist wohl überall die erste Stufe im Aufstieg der 
Lebenshaltung. Man will nicht nur den Hunger und Durst stillen, sondern auch die 
damit verbundenen Lustgefühle steigern; die Kleidung soll den Körper nicht nur 
wärmen, sondern auch schmücken; vollends die Gestaltung des Hauses wird durch 
ästhetische, sittliche, gesellschaftliche Zwecke beherrscht. Ueberall werden die na 
türlichen Bedürfnisse mit einem kostspieligen Blätterschmucke umkleidet, und man 
kann diesen bei wohlwollender Deutung in den meisten Fällen auch als den Träger 
eines kulturellen Fortschritts ansprechen, ganz besonders im Falle der Verfeinerung 
des Wohnens, die auf höherer Kulturstufe der Pflege des Essens den Rang abläuft 2 ). 
Wir wollen uns darum dieses Schmuckes freuen, ohne ihn zu überschätzen. Es ist 
freilich großenteils nur eine Art optischer Täuschung, wenn wir, an den Komfort 
moderner Wohnungen gewöhnt, die rohen Holzdielen unserer Vorfahren für weniger 
zivilisiert halten; wir brauchen nur an Goethes Haus zu denken, dem „fast alle die 
Verfeinerungen fehlten, die uns heute unentbehrlich dünken, wenn wir uns in unserer 
Wohnung wohl fühlen sollen“; nicht die Kultur, sondern unsere konventionell be 
dingten Ansprüche sind fortgeschritten. Womit nicht in Abrede gestellt wird, daß 
manche Ansprüche, an die der Mensch sich in den letzten Jahrzehnten gewöhnt hat, 
auch Kulturwert besitzen. 
3. Zur Steigerung des Niveaus der Lebenshaltung wirkt außer den wachsenden 
sozialen Ansprüchen ein fatales Naturgesetz mit, das zur Würdigung des Konsum 
tionsfortschritts nicht außer Acht bleiben darf: die Gewöhnung. Sie steigert 
das Bedürfnis und schwächt die Genußempfindung. Sie wirkt wie ein Widerhaken, 
der die Rückkehr zu anspruchsloserer Lebenshaltung aufs äußerste erschwert. 
Jede Verbesserung der Lebenshaltung, wenn sie über den natürlichen Exi 
stenzbedarf hinausgeht, tritt zuerst als Luxus in die Erscheinung; sie wird zum Be 
standteile des Existenzbedarfs, wenn sie eine Zeitlang angedauert und im Standes 
kodex Aufnahme gefunden hat. Mit diesem sozialen Zwange geht aber Hand in Hand 
die physiologische oder psychophysische Steigerung der Bedürftigkeit. Es gibt 
keinen Wunsch, der nicht durch regelmäßig wiederkehrende Befriedigung zum emp 
findlichen Bedürfnis wird. Die halbe Flasche Wein, die Herr Schulze zum Mittag 
essen, oder die Zigarre, die er zum Nachmittagskaffee sich angewöhnt hat, bereitet 
ihm Unbehagen, sobald sie ihm wieder entzogen wird; schon glaubt er diese Güter 
nicht mehr entbehren zu können 3 ). Ebenso wird die zuerst nur aus sozialen Grün 
J ) Im übrigen sind wirtschaftliche Mode und künstlerische Mode nicht wesensgleich. 
2 ) Erbweisheitsspruch des modern zivilisierten Mittelstands: Wohne über deinem Stande, ! 
kleide dich nach deinem Stande, iß und trink unter deinem Stande. 
f) Vgl. P a u 1 s e n , System der Ethik, 2. Aufl., Berlin 1891, S. 424: „Ich gestehe, daß 
es mir trotz vieljähriger Erfahrung zweifelhaft geblieben ist, ob das Rauchen mehr Genuß oder 
Plage macht. Ob jemals ein Vater mit Freuden sah, daß seine Söhne und Töchter es lernten?“
	        

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Die Konsumtion. J. C. B. Mohr, 1914.
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