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Kapitalismus und Sozialismus

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Bibliographic data

fullscreen: Kapitalismus und Sozialismus

Monograph

Identifikator:
1019428651
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-56798
Document type:
Monograph
Author:
Eckstein, Gustav http://d-nb.info/gnd/101214995
Title:
Kapitalismus und Sozialismus
Place of publication:
Wien
Publisher:
Verlag der Wiener Volksbuchhandlung
Year of publication:
1920
Scope:
1 Online-Ressource (120 Seiten)
Collection:
Economics Books
Usage license:
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Contents

Table of contents

  • Kapitalismus und Sozialismus
  • Title page
  • Contents

Full text

82 
ersetzen, das heißt viele brotlos zu machen, oder sie zur ärgsten Hetzjagd an 
zuspornen oder sie für Zuspätkommen oder Lässigkeit zir bestrafen, kurz, aus 
ihnen herauszupvessen, soviel nur geht." 
„Ja,^ aber daran haben doch Wohl die Maschinen nichts geändert," be 
merkte Wilhelm. „Der Meister hat seine Gesellen früher einmal auch so 
stark ausgebeutet wie er konnte." 
„Das ist nicht ganz richtig," entgegnete ich. „Der Meister, der mit dem 
Gesellen an einem Tisch gß und in einer Werkstatt mit ihm zusammen 
arbeitete, stand ihm menschlich viel näher; gewöhnlich brauchte da der Geselle 
auch nicht viel mehr zu arbeiten als der Meister, und beide pflegten sich nicht 
zu überanstrengen." 
„Na, das ist aber doch nicht wahr," bemerkte Karl. „Heute wenigstens 
werden die Arbeiter nirgends so geschunden als im Handwerk. Mein Vater 
war vor zwei Jahren eine Zeitlang arbeitslos und ging, da er nichts anderes 
fand, zu einem kleinen Meister. Aber nie in feinem Leben, sagte er mir, hat 
er sich so abrackern müssen wie dort, und neben ihm waren nur noch zwei 
Lehrjungen und denen ging es noch schlechter." 
„Da ist eben," berichtigte ich, „ein großer Unterschied zwischen dem 
Handwerk von ehemals und von heute. Jetzt zwingt eben die Konkurrenz 
des Großbetriebes mit seinen Maschinen den Kleinmeister, sich und seine 
Arbeiter zu Tode zu rackern, um nicht wirtschaftlich zugrunde zu gehen." 
„Ja, aber," begann Wilhelm nachdenklich wieder, „du hast uns selbst 
gezeigt, daß der Lohn eine untere Grenze hat, über die er nicht mehr 
hinuntergedrückt werden kann. Also kann doch die Ausbeutung nicht noch 
weiter steigen, wenn diese Grenze einmal erreicht ist." 
„Ganz richtig," entgegnete ich; „aber wo ist diese traurige Elends 
grenze?" 
„Nun, ein Arbeiter muß soviel verdienen," erklärte Karl, „daß er sich 
und seine Familie erhalten kann." 
„Ist das aber auch richtig?" fragte ich nun. „Erhält bei dir zu Hause, 
Karl, wirklich der Vater die ganze Familie?" 
„Nein," erwiderte dieser, „das ist wahr; es ist noch gar nicht so lange 
her, daß Mutter mit Zeitungaustragen auch zuverdienen mutzte; jetzt brauchst 
sie das freilich nicht mehr zu tun, seitdem meine Schwestern und ich auch 
was verdienen." 
„Nun seht ihr," fuhr ich fort, „daß jene Elendsgrenze doch noch ziem 
lich stark verschiebbar ist. Früher einmal mußte der Vater allein soviel ver 
dienen können, daß er die ganze Familie mit seinem Lohn erhielt. Heute 
aber müssen die Frau und die Kinder tüchtig mitverdienen, wenn die 
Familie nicht ins Elend geraten soll." 
„Ja, aber woher kommt das?" fragte Wilhelm. „Sollen früher die 
Meister oder die Kapitalisten weichherziger gewesen sein als heute? Das 
glaube ich doch nicht." 
„Nein," antwortete ich, „das glaube ich auch nicht, ich glaube überhaupt 
nicht, daß die Kapitalisten schlechtere Menschen sind als wir; aber die Kon 
kurrenz zwingt sie, die Löhne so weit wie möglich zu drücken. Daß es unter 
ihnen auch grausame Halunken gibt, will ich nakürlich nicht leugnen. Aber 
darauf kommt es nicht an." 
„Aber was ist denn dann die Ursache?" fragte Karl. „Du erklärtest uns 
doch damals, daß der Arbeitslohn deshalb nicht noch weiter gedrückt werden 
kann, weil sonst die Arbeiter auswandern oder die Bevölkerung abnehmen 
wiirde. Und nun ist doch noch eine Herabdrückung möglich."
	        

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Kapitalismus Und Sozialismus. Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, 1920.
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