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Die russische Weltanschauung

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Bibliographic data

fullscreen: Die russische Weltanschauung

Monograph

Identifikator:
1691740837
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-101476
Document type:
Monograph
Author:
Frank, Semen L. http://d-nb.info/gnd/118692739
Title:
Die russische Weltanschauung
Place of publication:
Charlottenburg
Publisher:
Pan-Verl. Heise
Year of publication:
1926
Scope:
41 S.
Digitisation:
2020
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
I.
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Die russische Weltanschauung
  • Title page
  • I.
  • II.
  • III.
  • IV.
  • V.

Full text

das erste, nämlich den Irrationalismus, betrifft, so darf man wohl 
sagen, daß dem russischen religiösen Geiste, der doch am besten die 
nationale Geistesart widerspiegelt, ein unwiderstehlicher Drang zur 
Spekulation, zur philosophischen Tiefe und Gründlichkeit angeboren 
ist, und daß ihm nichts so sehr widerspricht, als ein lyrisch-verschwom- 
mener Subjektivismus, der gewisse westliche religiöse Sekten und 
Richtungen auszeichnet. Geistige Nüchternheit, Abstinenz von jeder 
Art Entzückungszuständen und Exaltation, ist eine der charakteristi- 
schen Forderungen der national-russischen asketischen Praxis; und 
damit stimmt auch, daß der genialste national-russische Dichter Pusch- 
kin ausdrücklich vor einer Vermischung zwischen poetischer Inspiration 
und subjektiver Entzückung warnt und auf die kalte Nüchternheit der 
wirklichen poetischen Inspiration hinweist. Es ist eben nicht wahr, 
daß dem russischen Geiste — wie man es oft behauptet hört — das, 
was Nietzsche das „apollinische“ Element nannte, ganz fehlt und in 
ihm nur das „dionysische“ allein vorherrscht. Das Wesen des russi- 
schen Geistes muß eben nicht nach Dostojewski allein, sondern zu- 
gleich nach Puschkin beurteilt werden. Der russische Antirationalismus 
bedeutet nichts weiteres, als daß der russische Geist sich eben weigert, 
in der logischen Evidenz und in logischen Zusammenhängen allein den 
Ausdruck der letzten und vollen Wahrheit zu erblicken. In diesem 
Sinne darf man sagen, daß der russische Geist entschieden empiristisch 
ist: das Kriterium der Wahrheit ist für ihn immer im letzten Grunde 
die Erfahrung. 
Nun merken wir aber sofort den prinzipiellen Unterschied zwischen 
dem englischen und russischen Empirismus: er ist in der philosophi- 
schen Literatur beider Völker ganz ausdrücklich ausgesprochen. Für 
den englischen Empirismus ist Erfahrung gleichbedeutend mit sinn- 
licher Evidenz; sie ist restlos in ein Komplex sinnlicher Empfindungs- 
data zerlegbar; etwas „erfahren“ heißt im englischen Sinne auf etwas 
Außeres, durch sinnliche Wahrnehmung Greifbares, zu stoßen. Ent- 
schieden anders ist der Sinn des russischen Begriffes der Erfahrung. 
Erfahrung bedeutet für den Russen im letzten Sinne immer das, was 
man unter Lebenserfahrung versteht. Etwas „erfahren“ heißt, durch 
inneres Erleben und nachfühlendes Verständnis sich etwas zu eigen 
machen, es innerlich zu ergreifen und in seiner vollen Lebendigkeit 
zu besitzen. Erfahrung heißt hier also, logisch gesprochen, nicht das 
äußere Berühren des Gegenstandes, wie es durch sinnliche Wahrneh- 
mung geschieht, sondern das Aneignen der vollen Wirklichkeit des 
Gegenstandes selbst durch den menschlichen Geist in seiner lebendigen 
Ganzheit. Und gegenüber dieser Erfahrung ist auch die logische Evi- 
denz nur, sozusagen, ein Berühren der äußeren Oberfläche der Wahr- 
heit, ohne Vordringen zu ihrem inneren Kerne, und bleibt deshalb der 
vollen und konkreten Wahrheit immer inadäquat. 
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Oeuvres Complètes. Guillaumin, 1847.
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