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Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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Bibliographic data

fullscreen: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

Monograph

Identifikator:
1823190766
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-220010
Document type:
Monograph
Title:
Finanzen und Steuern im In- und Ausland
Place of publication:
Berlin
Publisher:
Hobbing
Year of publication:
1930
Scope:
896 S
graph. Darst.
Digitisation:
2022
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
Erster Hauptteil. Deutsche Finanz- und Steuerstatistik
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft
  • Title page
  • Contents

Full text

223 
t e c h n ¡ k und Betriebstechnik zur Gesellschaftstechnik fort 
geschritten. 
Die Maschinentechnik hat sich entwickelt, ehe man auch nur die ersten 
Anfänge der Arbeits- und Betriebstechnik entworfen hatte. Aber auch von 
der anderen Seite her war manches geschehen; gesellschaftstechnische Frage 
stellungen bewegten die Menschen in verschiedenartigster Form. Vor allem 
waren es die Utopisten, die Gesellschaftsordnungen in der Weise kon 
struierten, wie dilettantische Erfinder unsystematische Maschinen konstruierten. 
Ein Plato, ein Campanella, ein Thomas Morus sind in gewissem Sinne Vor 
läufer jener Gesellschaftstechniker, welche uns eine nicht allzu ferne 
Zukunft schenken wird. Ihre Utopien sind von einem oft schrankenlosen 
Rationalismus erfüllt. Bestimmte Wirkungen gesellschaftlicher Art werden durch 
ganz bestimmte Einrichtungen angestrebt, wobei auf Sitte und Herkommen 
wenig Gewicht gelegt wurde. In vielen dieser Utopien werden maschinen 
technische Neuerungen neben gesellschaftstechnischen eingeführt und man merkt 
deutlich, wie e i n Geist alles durchdringt. • 
Die gleichzeitigen Wirkungen der erwähnten Techniken vermochten nur 
Wenige mit einem Blick zu überschauen, zahllose Irrtümer rühren daher, auch 
zahllose Leiden. Die Maschinentechniker wußten wenig oder nichts von den 
gesellschaftstechnischen Problemen. Die Verkünder des modernen Maschinen 
zeitalters schilderten die Wirkungen der Technik in den leuchtendsten Farben. 
Man mußte in kürzester Zeit ein Paradies auf Erden erwarten. Häuser, Trans 
portmittel, Kleider und vieles andere konnte mit geringstem Kraftaufwand 
hergestellt werden. Und dennoch — die Zeit um die Wende des 18. und 
des 19. Jahrhunderts brachte in dem industriell am weitesten vorgeschrittenen 
England das entsetzlichste Elend. Die Lebenslage der Menschen erreichte 
einen Tiefstand; achtzehnstündige Arbeitszeit war nichts Seltenes, kleine Kinder, 
schwache Frauen, Greise verriditeten unter ungesunden Verhältnissen die aus 
mergelnde Fabriksarbeit jener Tage; Arbeitslosigkeit, Wohnungselend war an 
der Tagesordnung. Wie kam es zu solch fürchterlichen Erscheinungen? 
Die überlieferte Lebensordnung besaß keine automatisch wirkende Ein 
richtung, welche die Vorteile technischer Neuerungen gleichzeitig allen hätte 
zuteil werden lassen. Eine Industrie führte eine Maschine ein, welche 
20 Prozent Arbeit ersparte. Wurde nun etwa die Arbeitszeit aller Arbeiter 
verkürzt? Nein, zunächst wurde gewöhnlich ein Fünftel der Arbeiter ent 
lassen. Diese Entlassung von Arbeitern bedeutete nicht nur Brotlosigkeit für 
die Entlassenen, sie gab auch dem Unternehmer die Möglichkeit, den Weiter 
arbeitenden mit Entlassung zu drohen, wenn sie nicht zu ungünstigeren Be 
dingungen als bisher arbeiten wollten, waren doch die Arbeitslosen bereit, 
zu den niedrigsten Löhnen eine größere Anzahl Stunden als bisher Dienst zu 
tun. Dazu kam inoch, daß in den handwerksmäßigen Betrieben vorwiegend 
kräftige Leute verwendet worden waren, nun aber auch kleine Kinder und 
schwache Frauen an den Maschinen sidi nützlich machen konnten. Wurde 
dadurch das Leben von Tausenden gebrochen, was tat’s, den Unternehmern 
standen neue Scharen zu Gebote. Was half es diesem leidenden Geschlecht, 
wenn ihm als Trost verkündet wurde, die Verbilligung der Produktion durch 
die Maschine werde schließlich wieder mehr Menschen als bisher beschäftigen, 
das Elend und der Hunger seien nur „Übergangserscheinungen“. Oder wird 
ein Gesellschaftstechniker solche Zerstörung des Menschentums in technischer 
Hinsicht milder beurteilen, wenn er feststellen kann, daß die Unternehmer 
gar nicht bösen Willens waren, sondern durch die Reingewinn-, Preis und 
Lohnverhältnisse, durch die Konkurrenz und durch die Konjunktur — worunter 
man alles zusammenfaßt, was als Erklärung gut genug ist, ohne im einzelnen 
begriffen zu werden — zu ihrem Verhalten genötigt wurden? Wird dieser 
Mangel dadurch kleiner, wenn man zeigt, daß einzelne Industriestaaten bes 
sere Lebensbedingungen aufweisen als gewisse Agrarstaaten, gleichzeitig über 
die Massenarbeitslosigkeit, die Unterernährung, das Gespenst der Krisen und De 
pressionen, kurz die Sorge fortwährend die Welt bedrückt? Um die Bedeutung 
der Maschinentechnik für die Lebenslage der Menschen voll würdigen zu können, 
bedarf es eben der Einsicht in die gesellschaftstechnischen Zusammenhänge.
	        

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Durch Die Kriegswirtschaft Zur Naturalwirtschaft. Verlag von Georg D. W. Callwey, 1919.
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