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Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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Bibliographic data

fullscreen: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

Monograph

Identifikator:
891221816
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-76666
Document type:
Monograph
Author:
Neurath, Otto http://d-nb.info/gnd/118587420
Title:
Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft
Place of publication:
München
Publisher:
Verlag von Georg D. W. Callwey
Year of publication:
1919
Scope:
1 Online-Ressource (231 Seiten)
Collection:
Economics Books
Usage license:
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Contents

Table of contents

  • Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft
  • Title page
  • Contents

Full text

200 
zu versorgen, nimmt man heute in leitenden Kreisen kaum an, wobei man die 
Fähigkeit des Kaufmannes, mit den Kleinerzeugern in Beziehung treten zu 
können, oft wesentlich in ihrer Bedeutung unterschätzt. Der freie Handel 
würde in der jetzigen Zeit die Lebensmittelversorgung breiter Massen nicht 
sichern können, weil er seine Waren nach der Kauffähigkeit der Einzelnen 
verteilt. Bei Mangel an Ware ist eine gleichmäßige Verteilung des Notbedarfs 
nur bei einigermaßen gleichem Einkommen denkbar. Die Personen mit hohen 
Einkommen würden ihre Bedürfnisse möglichst vollständig zu befriedigen trach 
ten und unter Umständen den Ärmeren nicht einmal den Notbedarf übrig 
lassen. Diese Folge könnte selbst dann eintreten, wenn der Handel eine pro 
duktionssteigernde Wirkung ausüben sollte, wie viele wohl nicht mit Unrecht 
annehmen. 
Die Kriegswirtschaft unserer Tage hat nun den Versuch gemacht, eine 
gleichmäßigere Verteilung des Notbedarfes durch Rationierung und Höchst 
preise, teilweise auch durch staatliche Bewirtschaftung durchzusetzen. Man 
konnte das Geld nicht mehr wie früher beliebig verwenden ; seine Kaufbreite 
wurde eingeschränkt. 
Da nun Geld, weder auf dem innenstaatlichen Markte noch auf den^ Welt 
märkte, die frühere Sicherheit gewährt, beliebige Waren zu kaufen, trachten 
immer mehr Menschen darnach, sich statt Geld unmittelbar die erforderlichen 
Waren zu beschaffen. So tritt allmählich der Tauschhandel an die Stelle des 
Geldverkehrs. Möglich wird er dadurch, daß die staatlichen Bestimmungen 
über die Innenwirtschaft nicht lückenlos wirksam sind, sondern teils unter Zu 
stimmung der Behörden, teils gegen ihren Willen durchbrochen werden, wäh 
rend im zwischenstaatlichen Verkehr die in Kompensationsverträgen bewillig 
ten Ausnahmen von den Ausfuhrverboten, ganz abgesehen vom Schmuggel, 
geradezu wesentliche Instrumente des internationalen Warenaustausches ge 
worden sind. Nicht einmal ein so wohlorganisierter Staat wie Deutschland 
vermochte zu verhindern, daß in vielen Gebieten die fleischlosen Wochen 
wenig eingehalten werden, in zahlreichen Gastwirtschaften Lebensmittel ohne 
Marken erhältlich sind, und ähnliche Erscheinungen mehr auftreten. 
Aber selbst eine lückenlose Durchführung aller Maßnahmen, wie sie auch 
der Aufruf des Ernährungsministers vorsieht, würde äußerstenfalls die gleich 
mäßige Verteilung des Vorhandenen sichern, aber keine Gewähr dafür 
bieten können, daß die Produktion ihr Maximum erreicht. Mit Straf 
drohungen und Geldprämien ist das Auslangen nicht mehr zu finden. Daß 
Geldprämien auf dem Lande vielfach versagen, ist sehr begreiflich. Wenn 
einmal die Hypothekarschulden abgezahlt sind, sehen viele Bauern ihr Ziel 
in einer Verringerung ihrer Plage. Aber selbst jene, welche noch weiter ihre 
Lebenslage durch einen Mehrverbrauch verbessern wollen, trachten ihre Macht 
über Gegenstände zur unmittelbaren Beschaffung des Benötigten zu verwenden. 
Für Geld gibt ihnen die Gesamtheit das, was sie brauchen, entweder überhaupt 
nicht oder zu sehr hohen Preisen. Der Staat, welcher für beschlagnahmtes 
Getreide Geld auszahlt, sorgt eben nicht dafür, daß der Bauer auch Wagen 
schmiere, Schuhe, Bindfaden, Stricke, Web waren und anderes erhalten kann. 
Er verhält sich ihm gegenüber ähnlich wie gegenüber dem Arbeiter, dessen 
Versorgung in die Hand zu nehmen er ablehnt, ihm Geld gebend, damit er 
irgendwie sein Auskommen finde. 
Die Verteilung der Lebensmittel, die Steigerung ihrer Erzeugung, alles 
das hängt von der Verteilung der Machtmittel und der Art ihrer 
Anwendung ab. Früher einmal war die Verteilung der Geldmacht ausschlag 
gebend, heute ist es mehr die Verteilung der tauschbaren Gegenstände. Der 
Bauer besitzt in den Lebensmitteln, die er in der Hand hat, eine gewisse Macht. 
Da der Staat nicht beliebig große Mengen von Soldaten zur Requisition, diesem 
geschäftigen Müßiggang, verwenden kann und mag, der gar oft nur dazu 
dient, Menschen zu quälen und Ungerechtigkeiten auszuüben, ist doch z. B. ein 
Bauer, welcher sein Getreide unterirdisch aufbewahrt, mächtiger als einer, der 
es in Scheuern zur Schau stellen muß. Ein einzelner Arbeiter ist wesentlich 
machtloser als ein Bauer, da er während eines Streiks von seiner Nah rungs- 
quelle abgeschnitten werden kann, über welche der Bauer immer verfügt.
	        

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Durch Die Kriegswirtschaft Zur Naturalwirtschaft. Verlag von Georg D. W. Callwey, 1919.
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