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Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Bibliographic data

fullscreen: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

Monograph

Identifikator:
879457236
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-16989
Document type:
Monograph
Title:
Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute
Place of publication:
Frankfurt a. O.
Publisher:
Verlag der Waldow'schen Buch- und Kunsthandlung (R. Wengler)
Year of publication:
1905
Scope:
1 Online-Ressource (XV, 514 Seiten)
Digitisation:
2017
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
Zweiter Teil. — Handel
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute
  • Title page
  • Contents
  • Erster Teil. — Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle
  • Zweiter Teil. — Handel
  • Dritter Teil. — Industrie
  • Vierter Teil. — Weltwirtschaft und Handelspolitik
  • Fünfter Teil. — Verkehrswesen
  • Sechster Teil. — Volkswirtschaftliche Zustände in den Vereinigten Staaten von Amerika
  • Autorenverzeichnis
  • Index

Full text

3. Die Handelskrisis von 1857. 
95 
Vertrieb der durch Verkehrs- und Produktionsvermehrung unendlich gesteigerten Waren 
menge. Die Gleichgewichtsstörung zwischen verfügbarem und wirklich notwendigem 
Kapital machte sich bald fühlbar. Die Börse beschwerte eine ungeheuere Masse 
sogenannter Zukunftswerte aus Unternehmungen, die erst halb fertig waren und so 
schnell nicht reif werden konnten, daher die vom Sommer 1856 bis Ende 1857 
dauernde chronische Börsenkrisis sich einstellte. Das sowohl durch Masse der Produktion 
als durch künstliche Äberteuerung aller Waren gestörte Gleichgewicht zwischen Angebot 
und Nachfrage im Handel fand seine Wiederherstellung später, aber so plötzlich, wie 
die elektrische Spannung der Lust im Gewitter zur Ausgleichung kommt. Im Bereiche 
des Großhandels, in dessen Händen die Ware vor dem durch den Datailhandel 
geleiteten unmittelbaren Verbrauch sich befindet, platzte das Gewitter, was umso unver 
meidlicher war, als eine durch Kredit unterhaltene spekulative Einsperrung und Stapelung 
der Waren mit einer nie dagewesenen Allgemeinheit stattgefunden hatte. 
Die Krisis von 1857 war von einer Allgemeinheit und Heftigkeit und hat 
Auswüchse des wirtschaftlichen Lebens an den Tag gebracht wie keine frühere. Nicht 
der Rechtfertigungs-, aber der Erklärungspunkt hievon liegt darin, daß die diesmalige 
Krisis in der Hauptsache nicht, wie früher, von partiellen Störungen, (Fehlernten, 
Kriegskonjunkturen), sondern von einer allgemeinen Prosperität, der Folge eines ohne 
gleichen großartigen weltwirtschaftlichen Neu- und Ambildungsprozesses, bewirkt worden 
ist. Diese Prosperität gab nach allen Seiten einen vergleichsweise mühelosen Gewinn, 
indem viele Vermögenselemente wie durch Zauberschlag verdoppelten Nutzeffekt hatten. 
Das menschliche Herz ist unersättlich, die Übertreibung war unvermeidlich. And wie 
seinem eigenen, so vertraute man dem fremden Glückssterne, und es ergab sich hiedurch 
zur Fortbewegung der Dampfentwicklung von Handel und Industrie jener Kredit 
mißbrauch, bei dem es im einzelnen Falle immer schwer ist, zu entscheiden, ob er mehr 
auf Selbsttäuschung oder Täuschung anderer beruht. 
Der Kreditmißbrauch schwindelte sich an einer Schraube vorzugsweise empor, 
am Wechsel. Der Wechsel, dieses vermöge seiner formellen Rechtsstrenge unentbehrliche 
kaufmännische Zahlmittel, diente durchaus nicht mehr bloß zur Übertragung reeller 
Werte, er wurde nicht bloß gezogen auf wirkliche Warenempfänger oder auf Geschäfts 
freunde, welche mit dem Aussteller durch Bande eines reellen Geschäftsverkehrcs und 
durch Aberzeugung sicherer Solvenz verknüpft waren. Der Wechsel wurde, sobald 
wirkliches Kapital zu mangeln begann, gezogen zu keinem anderen Zwecke, als um 
ein fittives Kapital, Zahlmittel ohne reelle Wertuntcrlage, zu schaffen und sich zu 
erhalten. So wurde nicht bloß die einfache Form dessen, was der Kaufmann Wechsel 
reiterei nennt, die Ausstellung neuer Wechsel zu keinem anderen Zweck als zur Deckung 
der fälligen, gehandhabt. Dieses einfachste Mittel, eine einmal geschaffene Kapitalfiktion 
fortzufristen, genügte nicht. Man bildete förmliche Komplotte, um durch Nachahmung 
der allgemeinen formellen Eigenschaften des guten Wechsels dem schlechten Wechsel 
den Kredit und Kurs solider Wechsel zu erwerben; ein Zwickauer Kistcnmacher acceptierte 
eine Million Mark Banko für sechs Groschen Provision pro Wechsel, ein Havelberger 
Krämer von 5000 Talern Vermögen vier Millionen Mark Banko. Man häufte 
Anterschriften, die nichts zu bedeuten hatten; ein englisches Haus hatte dreißig gewerbs 
mäßige Indossanten, welche an ihrem angeblichen Wohnort vom Bankerottgericht 
gar nicht aufzufinden waren. So wurde es möglich, den Wechsel als Zahlmittel in 
Lauf zu setzen und, wenn er verfiel, ihn mit einem neuen Zahlungsversprechen zu 
decken, bis endlich die ausgegebenen und aufgehäuften fingierten Wertsummen in einer 
schuldigen oder einer unschuldigen Hand als das, was sie von Anfang waren, als 
wertlose Papierfetzen und Lumpenprodukte, hängenblieben. Von Hamburg sollen 
förmliche „Kreditreisende" ausgegangen sein, um das Blankoaccept ihres Hauses, 
welches jedem Wechsel in Skandinavien den Laufpaß gab, wie eine Ware feilzubieten.
	        

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Volkswirtschaftliches Lesebuch Für Kaufleute. Verlag der Waldow’schen Buch- und Kunsthandlung (R. Wengler), 1905.
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