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Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Bibliographic data

fullscreen: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

Monograph

Identifikator:
879457236
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-16989
Document type:
Monograph
Title:
Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute
Place of publication:
Frankfurt a. O.
Publisher:
Verlag der Waldow'schen Buch- und Kunsthandlung (R. Wengler)
Year of publication:
1905
Scope:
1 Online-Ressource (XV, 514 Seiten)
Digitisation:
2017
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
Zweiter Teil. — Handel
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute
  • Title page
  • Contents
  • Erster Teil. — Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle
  • Zweiter Teil. — Handel
  • Dritter Teil. — Industrie
  • Vierter Teil. — Weltwirtschaft und Handelspolitik
  • Fünfter Teil. — Verkehrswesen
  • Sechster Teil. — Volkswirtschaftliche Zustände in den Vereinigten Staaten von Amerika
  • Autorenverzeichnis
  • Index

Full text

4. Der „große Börsenkrach" im Jahre 1873. 
99 
7* 
Papiere um jeden Preis zu entledigen. Von allen Seiten stürmte es nun heran. 
Alles wollte losschlagen, alles kündigte, alles drang endlich auf Übernahme der ver 
pfändeten Stücke. Angstklopfenden Lerzens wartete man das Resultat des 7. Mai ab. 
Dieser entsprach den Voraussetzungen. Das Sterbeglöcklein hörte nicht mehr auf zu 
läuten. Banken, Läufer, Faiseurs, Agenten, Millionäre, Galopins, Würdenträger 
und Schleppträger, alles war unvermögend, die Papiere zu übernehmen. Das Auskunfts 
mittel, eine Galgenfrist durch falsche Lände zu gewinnen, war auch nicht mehr lohnend: 
wozu sollte man die Maske noch länger tragen? Die Insolvenzerklärung der Börsen- 
und Kredit- und der Bankerott der Kommissionsbank*) machten Sensation, viel mehr 
als begründet; denn wer Augen hatte, mußte den Sturz vorausgesehen haben. Aber 
für das Publikum, für die öffentliche Meinung, für den „Nimbus" war es der Todes 
stoß. Eine „Bank" bankerott! And gar zwei auf einmal. Die Verwirrung stieg von 
Stunde zu Stunde, und mit ihr die Ratlosigkeit der Börsenkammer. Zur Krönung 
des Werkes beschloß diese der Börse vorgesetzte Behörde, daß die Zahlung der Differenzen 
verschoben, daß ein Moratorium zugestanden werde! 
Man antwortete zwar aus die betreffende Gegenvorstellung, daß die Kassiere 
erklärt hätten, die Verwirrung sei so groß, daß sie nicht fungieren könnten. Das hätte 
die Kamnier nicht ernst nehmen dürfen. „Wer nicht zahlt, ist insolvent" mußte es 
heißen; und man hätte hundert Insolvente weniger gehabt, die Wiener Börse aber in 
ihrer Ehre und Position unerschüttert erhalten. 
Am 10. Mai proklamierte die Börsenkammer den offiziellen Börsenbankerott, 
d. h. die Sistierung der Differenz- und Zinsenzahlung, die Suspendierung des Geschäftes. 
So alle Tore dem Verttagsbruche und der Demoralisation auftun, wie mit dieser Lizenz 
es geschehen, so die ohnehin gelockerte Disziplin des Laufes total untergraben, das 
hatte niemand erwartet und hat niemand gebilligt als etwa die dadurch zu dem Vorteile 
des Zeitgewinnes Gelangenden. And wozu benutzten sie diesen Zeitgewinn? Darüber 
nachzudenken, ob sie in Masse desertieren sollten oder aushalten und bei der Fahne 
bleiben. Die Wahl fiel manchem schwer; aber die großen Beispiele, die Masseninsolvenz 
erklärung von Lausern, die man im Besitze reichlicher Mittel wußte oder glaubte, die 
Auflösung aller Ordnung, die Trostlosigkeit der Lage riß auch nicht wenige mit fort, 
welche ohne jedes Moratorium gewiß standgehalten hätten. And doch herrschte in 
vielen Kreisen noch immer eine (zumeist freilich erheuchelte) Ruhe und Zuversicht. Mit 
Vertuschen und Verschieben meinte man noch in der Woche vom 10.—17. Mai die 
Katastrophe, wenn auch nicht aufhalten, so doch zu einem sanften Verlaufe führen zu 
können; wenigstens meinten es die zwischen Leben und Tod ringenden Banken. Die 
vorsichtigeren und der Gefahr mehr entrückten Institute aber sahen die Loffnungslosigkeit 
unvcrschleiert. So schleppte man sich noch ein paar Tage hin, immer näher der Er 
kenntnis, daß die Dinge einem unabsehbaren Verfalle zutrieben, und doch sich an jedem 
Loffnungsstrahl sonnend, von dem man gleichwohl wußte, daß er einem künstlichen 
Gasapparate entströme. Am 17. Mai ward sogar von den „Sommitäten" der Finanz 
welt die Parole ausgegeben, die Krise sei auf ihrem Löhepunkte angelangt und alles 
kehre zu günstigerer Wendung zurück. Niemand geringerer als das Laus Rothschild 
selbst war es, das diese Meinung verbreitete und (wir sind der Aberzeugung) sie auch 
teilte. Wie wenig Berechtigung diese Anschauung hatte, sollte bald deutlich werden. 
Doch schien mit Anfang Juni der stärkste Sturm bereits dahin gebraust zu sein. 
Da stürzte plötzlich die Wiener Wechslerbank, eine der kühnsten Börscnspielbanken, 
unter dem Druck des Andranges ihrer Kassenschein- (Depositen-) Gläubiger, zusammen. 
Der Eindruck dieses Fallissements war ein furchtbarer; von da an war der Kredit auch 
der großen leitenden Banken — Nationalbank, Niederösterreichische Eskomptegesellschaft 
*) Ihre Aktien waren am Februar bei ^o°/ 0 Einzahlung wo notiert gewesen!
	        

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Volkswirtschaftliches Lesebuch Für Kaufleute. Verlag der Waldow’schen Buch- und Kunsthandlung (R. Wengler), 1905.
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