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Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Bibliographic data

fullscreen: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

Monograph

Identifikator:
879457236
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-16989
Document type:
Monograph
Title:
Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute
Place of publication:
Frankfurt a. O.
Publisher:
Verlag der Waldow'schen Buch- und Kunsthandlung (R. Wengler)
Year of publication:
1905
Scope:
1 Online-Ressource (XV, 514 Seiten)
Digitisation:
2017
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
Vierter Teil. — Weltwirtschaft und Handelspolitik
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute
  • Title page
  • Contents
  • Erster Teil. — Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle
  • Zweiter Teil. — Handel
  • Dritter Teil. — Industrie
  • Vierter Teil. — Weltwirtschaft und Handelspolitik
  • Fünfter Teil. — Verkehrswesen
  • Sechster Teil. — Volkswirtschaftliche Zustände in den Vereinigten Staaten von Amerika
  • Autorenverzeichnis
  • Index

Full text

356 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. II. Industriestaat. 
Neben diesen beiden Äauptursachen, welche vor 1870 die Ambildung Deutschlands 
vom Agrarstaat zum Industriestaat bewirkt haben, hat nun aber auch schon in dieser 
Zeit die Gestaltung des Handelsverkehrs mit dem Auslande eine Rolle gespielt, wenn 
auch nur eine Rolle von sekundärer Bedeutung. Es ist durchaus falsch, wenn man 
Deutschland als ein Land hinstellt, das im Beginn des 19. Jahrhunderts noch über 
einen großen Überfluß an Bodenprodukten verfügte, von dem es einen Teil dem Aus- 
lande mitteilte. Allerdings hat Deutschland damals einen beträchtlichen Getreide-, Lolz- 
und Schafwolleexport gehabt, allein bei Bodenproduktcn im ganzen ergibt sich keine 
Mehrausfuhr, sondern im Gegenteil eine Mehrcinfuhr. Soweit wir den deutschen 
oder wenigstens den preußischen Außenhandel statistisch zu verfolgen in der Lage sind, 
immer zeigen die Zahlen, daß Deutschland das ganze 19. Jahrhundert hindurch in 
gewissem, wenn auch zunächst noch recht bescheidenem Amfange ein Exportindustriestaat 
gewesen ist, d. h. daß bei Bodenprodukten seine Einfuhr größer war als seine Ausfuhr, 
während bei industriellen Fabrikaten umgekehrt der Export den Import übertraf. Die 
Kargheit des deutschen Bodens machte es den Bewohnern unseres Vaterlandes auch 
damals schon unmöglich, die Bodenprodukte, die sie in Form von Nahrungs- und 
Genußmitteln sowie von Rohstoffen von auswärts bezogen, dem Auslande wieder mit 
Bodcnerzeugnissen zu bezahlen, sondern sie mußten ihm für die empfangenen Agrar 
produkte zum großen Teil Erzeugnisse des deutschen Gewerbefleißes, insbesondere 
Gewebe, anbieten. Die Kolonialwaren, welche Deutschland in den ersten Jahrzehnten 
des letzten Jahrhunderts einführte, wurden zum großen Teil insbesondere mit schlesischer 
Leinwand bezahlt. And nicht einmal den gesamten Flachs, den die deutsche Leinen- 
industrie damals verarbeitete, konnte Deutschland selbst produzieren. Der Libergang 
zum Exportindustriesystem, den die deutsche Volkswirtschaft nach der Wiedererrichtung 
des Reichs in beständig wachsendem Maße vollzog, war also nichts absolut Neues für 
Deutschland. Neu und unerhört war nur das Tempo, in dem seit 1871 und speziell 
in den letzten beiden Jahrzehnten des Jahrhunderts die Ausbreitung der Exportindustrie 
vor sich ging. Vor der Gründung des Reichs belief sich die Mehrausfuhr an 
Fabrikaten erst auf einige 100 Millionen Mark, am Schluß des Jahrhunderts dagegen 
betrug sie über 1 Vs Milliarde. In diesem beschleunigten Anwachsen der Exportindustrie 
haben wir die Hauptursache dafür zu erblicken, daß auch nach 1871 die Zunahme des 
industriellen auf Kosten des agrarischen Deutschland noch weitere Fortschritte gemacht 
hat. Nach 1870 liegen also die Wurzeln dieser Erscheinung nicht mehr hauptsächlich 
in den internen deutschen Verhältnissen, sondern sie sind in erster Linie zu suchen in 
der Gestaltung der Handelsbeziehungen zum Auslande. Daneben hat sich allerdings 
auch nach 1870 der Prozeß des Aufhörens der gewerblichen Eigenproduktion und der 
Ersetzung organisierter durch unorganisierte Materie noch weiter fortgesetzt. In der 
letzteren Beziehung erinnere ich nur an die gewaltige Entwickelung der chemischen 
Industrie seit 1870, die zu einem nicht geringen Teile, wie z. B. bei der Verdrängung 
der von der Landwirtschaft angebauten Farbpflanzen durch die aus dem Steinkohlenteer 
gewonnenen Farbstoffe, mit dem zuletzt erwähnten Vorgang zusammenhängt?) 
Die wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands zum Auslande haben indessen 
nicht bloß auf dem Wege der Ausbreitung des Exportindustricsystems den Übergang 
Deutschlands zum überwiegenden Industriestaat gefördert. Betrachtet man die neueste 
ökonomische Entwickelung Deutschlands lediglich unter dem Gesichtspunkte des Übergangs 
zum Exportindustrialisinus, so stößt man auf eine mit dieser Annahme in keiner 
Weise zu vereinigende Tatsache, nämlich die Tatsache, daß unsere Produktion auf 
industtiellem Gebiete offenbar schneller wächst als unsere Ausfuhr an Fabrikaten, und 
daß demgemäß unsere Fabrikatenausfuhr einen abnehmenden Teil unserer industtiellcn 
*) s. de» Aufsatz von L. L. 6uber „Die chemische Industrie" S. 326 - 528. — G. M.
	        

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Volkswirtschaftliches Lesebuch Für Kaufleute. Verlag der Waldow’schen Buch- und Kunsthandlung (R. Wengler), 1905.
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