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Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Bibliographic data

fullscreen: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

Monograph

Identifikator:
879457236
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-16989
Document type:
Monograph
Title:
Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute
Place of publication:
Frankfurt a. O.
Publisher:
Verlag der Waldow'schen Buch- und Kunsthandlung (R. Wengler)
Year of publication:
1905
Scope:
1 Online-Ressource (XV, 514 Seiten)
Digitisation:
2017
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
Vierter Teil. — Weltwirtschaft und Handelspolitik
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute
  • Title page
  • Contents
  • Erster Teil. — Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle
  • Zweiter Teil. — Handel
  • Dritter Teil. — Industrie
  • Vierter Teil. — Weltwirtschaft und Handelspolitik
  • Fünfter Teil. — Verkehrswesen
  • Sechster Teil. — Volkswirtschaftliche Zustände in den Vereinigten Staaten von Amerika
  • Autorenverzeichnis
  • Index

Full text

6. Fürst Bismarck als Landclspolitikcr. 
391 
Dieses Kompromiß erwies sich in der ganzen Periode als eine sichere und zuverlässige 
Basis, auf die sich Bismarck als Wirtschaftspolitiker nunmehr stützen konnte. 
Das eigentlich Neue in dem Bismarckischen Schutzzollsystem sind die Agrarzölle. 
Wie weit sie ein dauerndes Heilmittel gewähren, ist sehr bestritten. Aus den handels 
politischen Reden des Fürsten Bismarck, so lange er im Amte und für sie 
verantwortlich war, geht unzweifelhaft hervor, daß er mit dem Schutze der einheimischen 
Landwirtschaft in erster Linie einen Krisenschutz gegenüber dem überwältigenden 
Ansturm des ausländischen Imports schaffen wollte. Keinem Staate kann es gleich- 
giltig sein, daß ein großes und altes Gewerbe, aus welchem auch heute noch die 
hauptsächlichste Blutauffrischung des nationalen Organismus hervorgeht, durch Am 
wälzungen der Weltmarktverhältnisse in seinen Daseinsbedingungen verkümmert wird. 
Man will also den wirtschaftlichen Vernichtungs- und Verdrängungskampf, dem wert 
volle Bestandteile der staatlichen Gesellschaft ausgesetzt sind, durch eine Abwehr nach 
außen vorbeugen. Was geschützt werden soll, ist nicht ein junges, zu neuem Aufschwung 
berufenes Gewerbe, sondern ein in der Zersetzung begriffenes, altes. Lier heißt es 
also die Krisis abschwächen, den Amwälzungsprozeß mildern, um gleichzeitig Zeit zu 
gewinnen für eine Agrarpolitik im Innern, deren nächstes Ziel eine Besitzreform sein 
wird. Ob es angängig ist, dauernd den deutschen Konsumenten am Mitgenuß an der 
auf dein gesamten Weltmarkt eingetretenen Verbilligung der hauptsächlichsten Nahrungs 
mittel zu verhindern, erscheint zweifelhaft. Bismarck bejahte diese Frage und zeigte sich 
deswegen auch als so entschlossener Gegner der späteren Landelsvertragspolitik. Er konnte 
das umsomehr, als er oft genug behauptet hat, daß den Agrarzoll das Ausland trage. 
Die Wissenschaft, besonders die Statistik, haben ihn in dieser Richtung in einspruchs 
freier Weise widerlegt. Auf dem schwierigen Gebiete der Steuerüberwälzung sind 
überhaupt seine Ansichten nicht frei von einer gewissen Befangenheit, wie er auch das 
Verhältnis der Erwerbsstände zueinander gelegentlich recht einseitig konstruiert hat. 
Das geflügelte, durch seine Parlamentsreden wieder kursfähig gemachte Wort: „Lat 
der Bauer Geld, so hats die ganze Welt" ist, näher betrachtet, nicht viel mehr als 
eine wirtschaftspolitische Tagesphrase. Mit gleichem Recht könnte man sagen, geht es 
unserer Industrie gut, sind die Arbeiter voll beschäftigt und gut gelohnt, so findet auch 
die, auf den im Industriegebiet berechneten Absatz angewiesene, billig und intensiv 
produzierende Landwirtschaft, zumal wenn sic sich nicht nur ausschließlich auf den 
Körnerbau ivirft, rentablen Amsatz. 
Bismarck wird von unseren Agrariern stets als Eideshelfer gegen alle und jede 
Landelsvertragspolitik herangezogen. And in der Tat hat er in seinem Lamburger 
Preßorgan sich wiederholt in diesem Sinne geäußert. Man darf aber nicht übersehen, 
daß er damals der grollende Achill war, der in unversöhnlicher Opposition verharrte 
und, wie jede Opposition, zu übertreiben geneigt war. Wäre er am Ruder geblieben 
und hätte er weiter die Fäden der Weltpolitik in Länden gehabt, so hätte er 
wahrscheinlich manche seiner Forderungen, die seinem Amtsnachfolger so große Schwierig 
keiten bereitet haben, erheblich herabgcstimmt. Es lag nicht in seiner Natur, ä tout 
prix sich auf einen prinzipiell gewonnenen Standpunkt, den autonomen Tarif, zu ver 
steifen. Nicht darauf kommt es an, ob wir am beweglichen und selbständigen Tarif 
festhalten, oder ob wir uns für Jahre vertragsmäßig binden, sondern darauf, welche 
Tarifsätze hüben und drüben für uns am vorteilhaftesten sind. Die Industrie, die jetzt 
in Deutschland neben der Landwirtschaft mindestens gleichwertig mitzusprechen hat, 
wünscht in erster Linie möglichste Stetigkeit in ihren handelspolitischen Beziehungen 
zum Ausland. Die industrielle Entwickelung, der wir unsere zunehmende Wohlhabenheit 
verdanken und damit auch die Sicherheit unserer militärisch-politischen Lage, künstlich 
wiederzurückzudrängen, heißt einer Atopie nachjagen, die von keinen: verständigen 
Menschen ernst genommen werden kann. Die rapide Ausdehnung der deutschen
	        

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Volkswirtschaftliches Lesebuch Für Kaufleute. Verlag der Waldow’schen Buch- und Kunsthandlung (R. Wengler), 1905.
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