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Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Bibliographic data

fullscreen: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

Monograph

Identifikator:
879457236
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-16989
Document type:
Monograph
Title:
Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute
Place of publication:
Frankfurt a. O.
Publisher:
Verlag der Waldow'schen Buch- und Kunsthandlung (R. Wengler)
Year of publication:
1905
Scope:
1 Online-Ressource (XV, 514 Seiten)
Digitisation:
2017
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
Sechster Teil. — Volkswirtschaftliche Zustände in den Vereinigten Staaten von Amerika
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute
  • Title page
  • Contents
  • Erster Teil. — Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle
  • Zweiter Teil. — Handel
  • Dritter Teil. — Industrie
  • Vierter Teil. — Weltwirtschaft und Handelspolitik
  • Fünfter Teil. — Verkehrswesen
  • Sechster Teil. — Volkswirtschaftliche Zustände in den Vereinigten Staaten von Amerika
  • Autorenverzeichnis
  • Index

Full text

6. Theorie und Praxis im kaufmännischen Bildungswesen. 473 
Das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis im kaufmännischen Bildungswesen 
ist in den beiden Ländern Amerika und Deutschland, kurz ausgedrückt, umgekehrt, als 
man es sich gewöhnlich vorstellt. Deutschland, das Land der Denker und der Träumer, 
betreibt die Kaufmannslehre in erster Linie praktisch; Amerika, das Land der Praktiker 
par excellence, muß in Ermangelung einer praktischen Kaufmannslehre überall zu 
rein theoretischen Bildungsmitteln greifen und überstürzt sich in der Erfindung und 
Gründung immer neuer kaufmännischer Lehranstalten. In der überwiegenden Mehrheit 
der amerikanischen Geschäftswelt dürfte man der theoretischen Ausbildung des Kauf 
mannsstandes schon heute nicht eine geringere, sondern eine ungleich höhere Rolle zu 
weisen, als selbst die entschiedensten Träger der deutschen Pandelshochschulbewcgung tun. 
Inter den Antworten, die mir auf meine Fragen zuteil wurden, ob nicht von 
der akademischen Ausbildung der Kaufleute nachteilige Wirkungen auf ihre Neigung 
zu praktischer Tätigkeit zu befürchten seien, ist vielleicht keine so charakteristisch wie die, 
die ich von dem Präsidenten der Handelskammer in Wilmington N. C., Mr. 3. A. Taylor, 
erhielt. Die Stadt zeigt etwa die Verhältnisse einer kleinen deutschen Mittelstadt, mit 
gut entwickelten Spezialindustricn (Baumwollprcsie, Terpentin usw.). Der Vertreter 
der Handelskammer machte den Vorbehalt, daß er nur aus einem verhältnismäßig 
begrenzten Erfahrungskreis heraus urteile, fuhr aber dann fort: „Ich glaube, auch wer 
über größere Erfahrungen verfügt, wird sich über diese Frage im Munde eines Deutschen 
wundern. Ich habe, ich weiß im Augenblick nicht wo, gelesen, der ünterschied zwischen 
England und Deutschland sei, daß in England der Sohn Gott danke, daß er ihm 
einen Vater gegeben, in Deutschland aber danke der Vater Gott, daß er ihm einen 
Sohn gegeben. Überall hören wir, daß auf der erzieherischen Tätigkeit Deutschlands, 
aus der Fürsorge für Bildungsanstalten aller Art die Überlegenheit auch des deutschen 
Kaufmannsstandes beruhe, ünd da befürchten Sie plötzlich, daß Sie von diesem Segen, 
der Sie reich macht, zuviel besitzen könnten? Wie kommen Sie auf solche Gedanken? 
Wir würden uns glücklich schätzen, wenn wir für unsere jungen Kaufleute nur recht 
viele, recht hohe und immer höhere Bildungsanstalten errichten könnten." 
Nun ist allerdings die Behauptung, daß Amerika die Kaufmannslchre nicht 
kenne, trotz der Sicherheit, mit der sie mir überall entgegengehalten wurde, doch nur 
cum grano salis zu verstehen. Wenn der Sohn beim Verlassen der Schule in das 
Geschäft des Vaters eintritt, so wird dieser natürlich in Amerika ebenso wie in jedein 
anderen Lande sich die Anterweisung des Sohnes angelegen sein lassen. Es ist auch 
wohl kaum daran zu zweifeln, daß in einem Lande, in dem die Kaufmannslehre als 
Institution nicht besteht, befreundete Väter ihre Söhne austauschen werden in der 
Hoffnung, daß auf diese Art der junge Clerk besser in das Geschäft eingeführt wird, 
als wenn er in eine ganz fremde Firma einträte. Positiv ist mir versichert worden, 
daß manche Väter die Kaufmannslehre des Auslandes, insbesondere Deutschlands, für 
ihre Söhne benutzen. Derartige Vorbehalte aber, die man zu der Behauptung von 
dem Fehlen der Kaufmannslehre machen muß, lassen vielleicht den ünterschied noch 
charakteristischer hervortreten. In allen solchen Fällen wird die methodische Anleitung 
in der Praxis nur den Söhnen von Familien einer gewissen Wohlhabenheit zuteil; 
die deutsche Kaufmannslehre aber kommt allen oder doch wenigstens einem ungleich 
weiteren Kreise zugute. Da beim Fehlen einer geordneten Kaufmannslehre sich jene 
Ausnahmen zugunsten der Bestsituierten von selbst einstellen müssen, so kann man wohl 
sagen, daß die Kaufmannslehre neben der von manchen Amerikanern betonten Seite 
sozialer Abschließung auch eine sozial befreiende Seite hat (wenngleich sie in ihrer 
gegenwärtigen Verfassung mit jeder Lehrlingszeit das gemein hat, daß es an organischen 
Einrichtungen für die Benutzung durch gänzlich ünbemittelte noch zu sehr fehlt). — 
Ein gewisser Keim zu einer zukünftigen allgemeinen Kaufmannslehre in Amerika kann 
vielleicht eher in manchen Einrichtungen von Großbetrieben liege», die sich die Fort
	        

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Volkswirtschaftliches Lesebuch Für Kaufleute. Verlag der Waldow’schen Buch- und Kunsthandlung (R. Wengler), 1905.
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