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Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Bibliographic data

fullscreen: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

Monograph

Identifikator:
879457236
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-16989
Document type:
Monograph
Title:
Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute
Place of publication:
Frankfurt a. O.
Publisher:
Verlag der Waldow'schen Buch- und Kunsthandlung (R. Wengler)
Year of publication:
1905
Scope:
1 Online-Ressource (XV, 514 Seiten)
Digitisation:
2017
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
Sechster Teil. — Volkswirtschaftliche Zustände in den Vereinigten Staaten von Amerika
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute
  • Title page
  • Contents
  • Erster Teil. — Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle
  • Zweiter Teil. — Handel
  • Dritter Teil. — Industrie
  • Vierter Teil. — Weltwirtschaft und Handelspolitik
  • Fünfter Teil. — Verkehrswesen
  • Sechster Teil. — Volkswirtschaftliche Zustände in den Vereinigten Staaten von Amerika
  • Autorenverzeichnis
  • Index

Full text

7. Die Organisation des Getreidchandcls. 
475 
Maße juristisch seinen generellen Charakter, seine Fungibilität ein. Abgesehen von 
einzelnen modernen Börseneinrichtungen, haben daher die Rechtsgeschäfte, insbesondere 
Kauf, Depositum, Verpfändung, im europäischen Getreidehandel dieselben Rechts 
formen wie hochwertige Kolliwaren; sie sind berechnet auf eine juristische Spezies und 
entbehren — mit nur unwesentlichen Ausnahmen — jeder dem Getreidehandel besonderen 
Eigenart. Danach ist es also für den europäischen und vor allem deutschen Getreide 
handel von entscheidender Bedeutung geworden, daß hier der Entwickelung des inter 
nationalen Großhandels nicht nur eine weitgehende Entwickelung der Getreideproduktion 
vorausgegangen ist, sondern auch eine detaillierte Ausbildung der Handelsorganisation 
und Transporttechnik, die kräftig und dehnbar genug waren, um jeden neu empor 
kommenden Handelszweig ihrer Eigenart anzupassen. Durch diese Anpassung erhielt 
der europäische Getreidehandel seine beiden Lauptcharakteristika: für die Verkehrstechnik 
den Grundsatz des Kollitransportes und für die rechtliche Organisation den der Richt- 
fungibilität. 
Ganz anders ivar die Entwickelung und das Resultat dieser Entwickelung jenseits 
des Ozeans. Die Vereinigten Staaten sind ein Land ohne Vergangenheit, ohne 
Geschichte, ohne Tradition. Als daher durch jene bekannten Ursachen, insbesondere 
durch den welthistorischen Prozeß der Besiedelung des Westens, plötzlich Amerika aus 
dem unentwickelten, im Welthandel höchstens als Importland eine Rolle spielenden 
Kolonialstaate sich zum ersten Getreidcexportlande emporschwang, da gab es keine aus 
gefahrene Bahnen, in die der Lande! den ungeheuren Getreidestrom leiten konnte. 
Wie der Lande! hier meist die Produktion erst hervorrief, so inußtc er auch seine 
Organisation erst neu sich schaffen, und, ungehindert durch fremde Einflüsse und alte 
Traditionen, konnte er diese völlig frei der Eigenart der Landelsware anpassen. Die 
Eigenart des Getreides als Landelsware besteht aber, wie bereits angedeutet, in zweierlei: 
erstens rechtlich in der Fungibilität, zweitens technisch in der sogenannten Trocken- 
fiüssigkeit, d. h. in der Fähigkeit, ohne Substanzschädigung im weitgehendsten Maße 
geteilt, jeder Form angepaßt und gleitend durch das eigene Gewicht, ohne fremde Lilfe 
fortbewegt werden zu können. Dieser doppelten Eigenart konnte aber nicht nur die 
Organisation und Technik des amerikanischen Getreidehandcls ungehindert angepaßt 
werden, sie mußte es auch. Dieser Zwang lag in den eigenartigen Produktionsverhältnissen. 
Jene weiten Länderstrecken des fernen Westens wurden in Kultur genommen von ärm 
lichen zusammengelaufenen Einwanderern, die regelmäßig außer ihrer Anne Kraft und 
der Freigiebigkeit des jungfräulichen Bodens kein weiteres Kapital besaßen; es bestand 
also Mangel an Betriebskapital und an Arbeitskraft; Kapitalzins und noch mehr 
Arbeitslohn waren unerschwinglich hoch, wenn überhaupt fremdes Geld und fremde 
Arbeitskraft zu haben waren. 
Es galt daher, bei der neuen Landelsorganisation darauf bedacht zu sein, Betriebs 
kapital und Arbeitskraft möglichst zu sparen. Das geschah, indem man erstens zum 
Ersatz der Arbeitskraft die Bewegungsmöglichkeit, die in der Trockcnfiüssigkeit des 
Getreides liegt, mechanisch ausnutzte, indem man zweitens gleichzeitig mit dem Trans 
port und der Lagerung des Getreides in loser Schüttung an Betriebskapital den Sack 
bestand ersparte, der in einem industriearmen Exportlandc, in dem ebensowenig auf 
eine billige Lerstellung der Säcke im Jnlande, wie auf eine billige Rückbeförderung 
einmal gebrauchter Säcke aus dem Auslande gerechnet werden konnte, einen recht 
erheblichen Posten ausmacht, und indem man endlich drittens durch die auf beiden 
Prinzipien aufgebaute Gesamtorganisation es für den Produzenten unnötig machte, 
sich eigene Scheunen für die oft ungeheuren Massen seiner Erzeugnisse anzulegen. 
Dazu kommt, daß alle reichen Bodenschätze wirtschaftlich nur geringen Wett 
hatten, wenn sie im Lande blieben; denn ein aufnahmefähiger Lokalmarkt exisüerte nicht, 
und die Konsumkraft der östlichen Staaten Amerikas war unzureichend entwickelt.
	        

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Volkswirtschaftliches Lesebuch Für Kaufleute. Verlag der Waldow’schen Buch- und Kunsthandlung (R. Wengler), 1905.
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