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Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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Bibliographic data

fullscreen: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

Monograph

Identifikator:
890771383
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-10133
Document type:
Monograph
Author:
Mollat, Georg http://d-nb.info/gnd/139428143
Title:
Volkswirtschaftliches Quellenbuch
Edition:
Vierte, erweiterte und vermehrte Auflage
Place of publication:
Osterwieck/Harz
Publisher:
Verlag von A. W. Zickfeldt
Year of publication:
1913
Scope:
1 Online-Ressource (XXVIII, 654 Seiten)
Digitisation:
2017
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Monograph
Structure type:
Chapter
Title:
Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Volkswirtschaftliches Quellenbuch
  • Title page
  • Autorenverzeichnis
  • Contents
  • Erster Teil. Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle
  • Zweiter Teil. Handel
  • Dritter Teil. Industrie
  • Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik
  • Fünfter Teil. Verkehr
  • Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in den Vereinigten Staaten von Amerika
  • Index

Full text

2. Die Gefahren des Industriestaates. 
467 
diejenige Bahn ein, die man als die des wirtschaftlichen Fortschritts anzusehen gewöhnt 
ist; es wurde zunächst zweiarmig und schritt dann dazu fort, seinen alten Arm ver 
kümmern zu lassen. Und wie auf Kommando folgten die andern Staaten in dieser 
Selbstverstümm elungsprozedur mit. 
Indes das Bild ist in einer Beziehung irreführend, das List damals brauchte. 
Die beiden Arme, der landwirtschaftliche und der industrielle, sind nicht gleichwertig, 
sondern der landwirtschaftliche, der jetzt verkümmernde, ist der unendlich wichtigere und 
unentbehrlichere; ohne Industrie kann man leben, aber nicht ohne Nahrungsmittel. 
Machen wir auch das uns anschaulich. Wenn man eine Nation für sich isoliert ins 
Auge faßt, aus der Weltwirtschaft herausgelöst, so ist es klar, daß sie in erster Linie 
Landwirtschaft treiben muß, um zu leben. Ist die Landwirtschaft so ergiebig, daß die 
landwirtschaftliche Bevölkerung über ihren eignen Nahrungsbedarf hinaus noch einen 
Uberschuß von Nahrung gewinnt, so kann von diesem Uberschuß eine industrielle Be 
völkerung im Lande ernährt werden, die mit ihren Fabrikaten die für sie disponiblen 
Nahrungsmittel kauft. Die Größe der Jndustriebevölkerung, die eine solche isolierte 
Nation ernähren kann, wird also genau bestimmt durch den Uberschuß an Nahrung, 
den die landwirtschaftliche Bevölkerung über ihren eigenen Bedarf hinaus dem vater 
ländischen Boden abzugewinnen imstande ist. Wenn eine Landbevölkerung von 30 
Millionen Nahrung für 50 Millionen produziert, so können 20 Millionen von Industrie 
und sonstigen Berussarten leben. Die Volkswirtschaft ist verglichen worden einem 
Etagenbau: das starke Erdgeschoß ist die Landwirtschaft und trägt den industriellen 
Überbau, die obere Etage, auf seinen Schultern. Solange noch unbebauter Boden 
verfügbar ist, kann das Erdgeschoß ausgebaut werden bis an die Landesgrenze, und 
das verbreiterte Erdgeschoß kann eine entsprechend verbreiterte industrielle Etage 
tragen. 
Weiter als der landwirtschaftliche Unterbau reicht, kann aber die industrielle 
Etage natürlich nicht fortgesetzt werden, — es sei denn, daß ihre Bewohnerschaft von 
ausländischer Nahrung lebt und ihre Fabrikate gegen diese ausländische Nahrung 
eintauscht, also Exportindustrie wird, die für das Ausland arbeitet und vom Aus 
lande lebt. Das industrielle Stockwerk wächst dann seitlich weiter in die Luft hin 
aus und über die Landesgrenze hinaus, über fremden Boden hin, künstlich 
gestützt auf die Pfeiler des auswärtigen Handels, die auf fremdem Grund und Boden 
ruhen, von dem es seine Nahrung bezieht. Mit dem Augenblick, wo eine solche Export 
industrie ansetzt und also die Entwicklung zum Industriestaat beginnt, verschiebt sich 
der Schwerpunkt des volkswirtschaftlichen Körpers nach außen; mit Hilfe der künst 
lichen Pfeiler kann er zwar sich halten, aber diese Pfeiler aus fremdem Boden stehen 
nur so lange, als der Eigentümer des fremden Bodens sie stehen läßt. Wenn er eines 
Tages den Boden selbst benutzen will, so stürzt mit den Pfeilern der überragende 
Ctagenbau zusammen. Wenn wir eine Exportindustrie von 5 Millionen Menschen 
gründen, die von amerikanischem Getreideüberschuß lebt, so sind diese 5 Millionen 
Menschen mit ihrer künftigen Existenz darauf angewiesen, daß das amerikanische Ge 
treide dauernd überschüssig und, speziell für sie, im Austausch mit ihren Fabrikaten 
verfügbar sei. Alle Exportindustrie ist ihrer Natur nach prekär, und in diesen immer 
prekäreren Zustand treibt der Industriestaat hinein. 
Solange die Exportindustrie klein ist, hat das nicht viel zu sagen. Wenn sie 
aber von Jahr zu Jahr um sich greift und, wie in England, die große Mehrzahl der 
Bevölkerung umfaßt, so steht die ganze Volkswirtschaft auf Stützen, und der Zusam- 
menbruch dieser Stützen wäre das Ende der Nation. Entwicklung zum Industriestaat 
heißt Abhängigkeit vom Ausland, und Volkswirtschaft auf eigener Nahrungsbasis 
heißt Unabhängigkeit. Eine Nation darf Industriestaat nur werden, wenn sie der 
Dauer ihres auswärtigen Handels sicher ist. 
30 :
	        

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Volkswirtschaftliches Quellenbuch. Verlag von A. W. Zickfeldt, 1913.
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