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Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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Bibliographic data

fullscreen: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

Monograph

Identifikator:
891221816
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-76666
Document type:
Monograph
Author:
Neurath, Otto http://d-nb.info/gnd/118587420
Title:
Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft
Place of publication:
München
Publisher:
Verlag von Georg D. W. Callwey
Year of publication:
1919
Scope:
1 Online-Ressource (231 Seiten)
Collection:
Economics Books
Usage license:
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Contents

Table of contents

  • Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft
  • Title page
  • Contents

Full text

208 
uns haben, die in unserer Lebensordnung sich nur ungenügend betätigen 
können. Zum Teil sind sie in ihrer technischen Leistungsfähigkeit beschränkt. 
Wenn aber jemand etwa nur zu drei Vierteln leistungsfähig ist, pflegt er in 
noch geringerem Maße als gerade zu drei Vierteln sich betätigen zu können, 
weil wir keine Maßnahmen getroffen haben. Mindertaugliche zu verwerten. 
Zum Teil sind es aber Menschen, welche technisch voll leistungsfähig wären, 
aber der Lebensform der freien Konkurrenz nicht gewachsen sind. Sie würden 
sofort volltauglich werden, wenn sie an die geeignete Stelle kämen, die zu 
suchen oder sich zu schaffen sie aber unfähig sind. Menschen, die einem ge 
ruhigen Typus angehören, der in der Zeit der Patrimonialverfassung der nor 
male war, sind heute die Verstoßenen, ja die Umhergetriebenen. Manchmal 
finden sie in irgend einem Minderberuf einen Unterschlupf, eine Lösung, die 
weder für sie, noch für die Gesamtheit wirklich rationell ist. Psychisch De^ 
fekte, welche als Einzelne überhaupt nicht verwendbar sind, können in ent 
sprechend organisierten Gruppen Erhebliches leisten und so die Lasten ver 
ringern, welche sie sonst der Gesamtheit auflegen. 
Was so von, Defekten, Kranken, sozial Abnormalen behauptet werden 
kann, dürfte aber auch von sehr vielen gelten, die wir als sozial durchaus nor 
mal ansehen. Wissen wir denn, ob nicht die Mehrzahl der Menschen heute in 
Organisationsformen lebt, denen sich anzupassen einen großen 
Teil ihrer Kraft aufsaugt? Wissen wir denn, ob nicht die Mehr 
zahl der Menschen, die deshalb als sozial normal gilt, weil sie diese Kraft zur 
Anpassung aufbringt, unvergleichlich mehr leisten würde, wenn wir sie in 
anderen Organisationsformen arbeiten ließen? 
Der Ruf nach mannigfaltigerer Berufsgestaltung wird durch den Krieg 
besonders nahegebracht. Die Kriegsbeschädigten, deren Differenzierung ja viel 
größer als die der Gesunden ist, müssen untergebracht werden. Man widmet 
nun weit mehr Mühe der Frage, wie ihre Tauglichkeit für vorhandene Berufe 
und Arbeitsweisen ermittelt werden kann, als der anderen Frage, welche Organi 
sationsformen, welche Berufe man umgestalten oder neu schaffen müsse, um 
sie möglichst günstig zu beschäftigen. Vielleicht könnten sehr viele eine Halb 
tagarbeit voll ausfüllen. Wäre es nicht naheliegend, ganze Fabriksorganisa 
tionen auf Halbtagarbeit einzurichten und die dabei erwachsenden Mehrkosten 
aus den Mitteln für die Invalidenfürsorge zu bestreiten? Ist aber einmal der 
Damm gebrochen, dann wird man von allen Seiten mit derlei Vorschlägen 
kommen. Die allgemeine Einführung der Halbtagarbeit für verheiratete Fabrik 
arbeiterinnen mit kleinen Kindern z. B. erscheint dann als eine Selbstver 
ständlichkeit. Man würde dann ebenso, wie man heute Einzelversuche bezüg 
lich bestimmter Einwirkungen der Betriebe anstellt, den Einfluß ganzer Be 
triebsorganisationen, Berufsanordnungen untersuchen können. Man würde sich 
bemühen, in Versuchsanlagen den Einfluß des Wechsels landwirtschaftlicher und 
industrieller Arbeit zu erproben, der nicht zum wenigsten auf der Hoffnung 
beruht, welche der Einzelne in sich hegt, daß es nun bald „Agrarferien“, daß 
es nun bald „Industrieferien“ gibt. Urlaube und Rekonvaleszentenfürsorge 
werden oft durch einen Wechsel der Beschäftigung ersetzt werden können. 
Freilich erfordert dies alles, daß der heute sich mächtig entfaltende Wille, 
die Kriegswirkungen möglichst rasch zu überwinden, ein klares Ziel vorfindet. 
Dann ist es möglich, daß wir nach dem Kriege durch organisatorische Re 
formen nicht nur die dauernden Schädigungen, welche der Krieg mit sich 
bringt, wett machen, sondern darüber hinaus ein glücklicheres Dasein schaffen, 
als vor dem Kriege bestanden hat. 
Es wäre für die gesamte Kriegsfürsorge, für die gesamte Sozialpolitik und 
nicht zuletzt für die gesamte Volkswohlfahrtspflege von Bedeutung, das „um 
gekehrte Taylorsystem“ praktisch auszugestalten, von Bedeutung, so viel ver 
schiedenartige Berufsformen, so viel verschiedenartige Organisationstypen zu 
haben, daß möglichst zahlreiche Menschen ihren Fähigkeiten und Neigungen 
entsprechend beschäftigt werden können. Schafft geeignete Berufe 
und geeignete Organisationsformen für geeignete Men 
schen !
	        

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Durch Die Kriegswirtschaft Zur Naturalwirtschaft. Verlag von Georg D. W. Callwey, 1919.
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