Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. prenß. Königtums. 635
lands, ein Umschwung auf der ganzen Linie der Gegner
Schwedens. August der Starke sagte sich noch einmal vom
Altranstädter Frieden los. König Friedrich von Dänemark
war schon vorher unruhig geworden; und bereits am 28. Juni
1709, einen Tag vor der Schlacht von Pultawa, hatten er
und August der Starke ihr altes Bündnis vom Jahre 1699
erneuert. Am 9. Oktober 1709 aber kam August der Starke mit
dem Zaren in Thorn zusammen: es war wiederum die Koalition
aus dem Beginne des nordischen Krieges. Und wenn ihr nun
noch Karl XII. mit der alten Bereitschaft entgegengetreten
wäre! Aber davon war einstweilen keine Rede. Noch immer
verharrte der Schwedenkönig im fernen Bessarabien, während
sein polnischer Mandatar Lesczynski aus Polen floh und
August der Starke wieder in dieses einzog, die Dänen
sich gegen Schonen wandten und der Zar die endgültige
Eroberung Livlands einleitete und Finnland bedrohte. Jetzt
wirklich schien es so, als sei die schwedische Hegemonie im
Norden an ihren Wurzeln getroffen — und als werde Rußland
Nachfolger Schwedens nicht bloß im Besitze baltischer Küsten⸗
länder, nein auch im Dominium maris baltici werden. Nicht
bloß nordische, rein europäische Veränderungen von größter
Tragweite schienen damit in Sicht zu treten.
Konnten nun unter diesen Umständen die europäischen
Mächte des Zentrums und des Westens, konnte innerhalb des
nordischen Bereiches Preußen all diesem neuen Werden teil⸗
nahmlos zusehen?
Die Westmächte und der Kaiserhof hatten bisher, auf den
mannigfaltigen Kriegsschauplätzen des spanischen Erbfolgekrieges
und in den ausgedehnten Bereichen der Diplomatie dieses
Krieges mehr als genügend beschäftigt, fast nach still—
schweigendem Übereinkommen die nordischen Dinge zu isolieren
gesucht, so sehr sich auch die Seemächte gelegentlich zum Ein—
greifen veranlaßt sahen. Jetzt, da es sich um die Entwicklung
einer ganz neuen Konstellation der Mächte infolge des Ein—
dringens Rußlands handelte, sahen sie wohl, daß sich diese
Politik nicht mehr aufrechterhalten ließ. Sollte man nicht