Object: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

6. Die Textilindustrie. 
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so mit dem Leben des Volkes verwachsen, wie das Verarbeiten des Flachses und der 
Schafwolle. Beide Gewerbe wurden in Anlehnung an die Schafzucht und an den 
Flachsbau vom frühen Mittelalter an in Schwaben, Kleve, Jülich und Gelderland 
als landwirtschaftliches Nebengewerbe oder handwerksmäßig betrieben. Wie Deutschland 
(mit Spanien) sowohl in bezug auf Quantität wie Qualität des Rohstoffs langezeit 
für das wichtigste Produktionsland Europas, ja der Welt galt, so dominierten auch 
die beiden Gewerbe auf dem Weltmarkt. Tuch und Leinen bildeten im Mittelalter 
für Augsburg, Alm, Görlitz, Köln, Aachen usw. einen Äauptexportartikel, der in 
England, Rußland sowie in Italien und Spanien guten Absah fand. 
Die Weberei der feineren Wollzeuge, die bis dahin nach Deutschland importiert 
worden waren, wurde 1566 von flüchtigen Flamländern in Lanau, Gera, Plauen, 
1680 von Hugenotten in Berlin, Göttingen, Kassel, Eisenach eingeführt. Erst im 
17. Jahrhundert kam die Konkurrenz Englands auf. Aber die deutsche Industrie hatte 
an dem trefflichen, einheimischen Rohmaterial immer noch eine starke Stütze. 
Die Baumwollweberei und Kattundruckerei wurden in Deutschland zu Ende 
des 17. Jahrhunderts (1691) in Augsburg eingeführt, und der geschlossene Fabrik 
betrieb — als erste Kattunmanufaktur 1750 durch flüchtige Schweizer in Plauen i. V. 
■— begründet. Pier gab es eine fleißige, geschickte und überaus genügsame spinnende 
Bevölkerung. Sachsen wurde neben Ostindien und der Schweiz zum hauptsächlichen 
Produttionsland für Baumwollwaren. 
In die Jahrzehnte 1767—1793 fallen die Erfindungen der Dampf-und Spinn 
maschine, des Kraftwcbestuhls, der Enthülsung der Baumwolle und der Chlorbleiche. 
In England, wo sich schon in den vorangegangenen fünfziger Jahren die mit Wasser 
mühlen betriebene mechanische Baumwollspinnerei entwickelt hatte, fanden die neuen 
mechanischen Lilfsmittel sofort Anwendung. 
„England führte eine vollständige Amgestaltung der bisherigen Konkurrenz 
verhältnisse herbei. Es machte Ostindien konkurrenzunfähig und entriß auch Sachsen 
und der Schweiz in den feinen und mittleren Waren das Geschäft. Ein gewaltiger 
Warenstrom wälzte sich seit der Wende des 18. Jahrhunderts — von Jahr zu Jahr 
zunehmend — von England aus nach dem Kontinente. Leipzig wurde das große 
Enttepot dieser Waren, die von hier aus den Weg in alle Teile Europas, besonders 
nach dem weiten Osten und Südoften, fanden. Gleichzeitig mit dem Import fertiger 
Waren begann ein solcher von Garnen, der bis zur Kontinentalsperre hin fast die 
gesamte Pandspinnerei in Baumwolle konkurrenzfähig machte. — Bis 1786 kannte 
man in Sachsen nur die Pandspinnerei auf dem Rade; in diesem Jahre wurden die 
ersten Iennymaschinen eingeführt, deren Zahl sich bis zur Kontinentalsperre hin in 
der Gegend von Mittweida und Chemnitz schnell stark vermehrte. 1799 und 1800 
gelang es, unter Mithilfe eingewandcrter Engländer, je eine Mule- und eine Water- 
maschinenspinnerei in Parthau bezw. in Chemnitz zu errichten. Die Weberei und 
Wirkerei war nach dem Verlagssystem organisiert. Die kapitalttäftigsten Verleger- 
waren im Besitz von Druckereien." (König, Die sächsische Baumwollenindustrie, 1899). 
Zu gleicher Zeit wie in Sachsen kam die mechanische Spinnerei auch im Elsaß 
und in Schwaben auf. Das Auftauchen der Spinnmaschine in den achtziger Jahren 
des 18. Jahrhunderts bezeichnet dort den Anfang des arbeitsteiligen Fabrikbetriebs. 
Derselbe dehnte sich, als Napoleon die Kontinentalsperre verhängte, rasch aus und 
hatte bis zu deren Aufhebung goldene Zeiten. Die Vermehrung der Spindeln und 
Webstühle war eine riesenhafte. Das größte der ursprünglichen Chemnitzer Etablissements, 
welches aus der rohen Baumwolle gedruckte Kattune fertigte, also Baumwollkrempler, 
-spinner, -spuler, -Weber, -bleicher, -drucker, -färber und -appreteurc beschäftigte, hatte 
an 1200 Arbeiter.
	        
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