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Zweiundzwanzigstes Buch.
seinen besten Offenbarungen, wie in den Schöpfungen Haydns,
zu einer fromm⸗-weltlichen Auffassung; und die strengen alten
Formen der eigentlichen Kirchenmusik erhoben sich, soweit sie
noch in neuen Erzeugnissen fortwährten, eigentlich nur in
Mozarts Requiem und einzelnen Stellen seiner Messen über
das Niveau des Verfalles.
Es versteht sich, daß unter diesen Umständen das Interesse
an der geistlichen Musik überhaupt abnahm; erst das vollendete
Zeitalter des Subjektivismus hat es von neuem belebt, aber
dann von ganz veränderter Auffassung aus: die erhabene
Eingangshalle zu dieser neuen Musik bildete Beethovens „Missa
sollemnis“. Und mit dem Interesse schwand auch der soziale
Halt, den die Kirche Komponisten und ausübenden Musikern
geboten hatte: wo finden sich in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts noch Orgelspieler von dem auch gesellschaft—
lichen Ansehen, das ein Sweelinck oder ein Buxtehude genossen
hatten.
An die Stelle war das musikalische Interesse zunächst
jenes Standes getreten, der seit dem späteren Mittelalter
überhaupt die Führung der geistigen Geschicke der Nation an⸗—
getreten hatte: des Bürgerstandes. Es ist schon erzählt worden,
wie er sich von vornherein einer familiären Musik widmete: wer
kennt nicht die traulichen Lautenstunden des 16. Jahrhunderts?
Und neben die in den Städten bürgerlich fortgepflegte kirch—
liche und geistliche Musik war in einer ganzen Anzahl deutscher
Städte schon seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
die Oper getreten!. Aber auch die Formen der Musik, aus
denen die Instrumentalmusik des neuen Zeitalters hervor⸗
gegangen ist, kamen beim Bürgertum verhältnismäßig früh in
Gebrauch, wenn sie auch nur seitens der wohlhabenden Kreise,
seitens der uns wohlbekannten frühesten Unternehmeraristokratie
gewisser Großstädte, vornehmlich Leipzigs, reichlicher entwickelt
wurden: seitens jener Schichten also, die um 1700 vieles von
der Kultur des homme du monde angenommen hatten. Da
1S. dazu u. a. Bd. VI S. 227.