124 V. Kap.: Volkswirtfchaftliche und foziale Bedeutung der Hausinduftrie
Auf ein Mittel, und zwar ein fehr wirkfames Mittel, die Hausinduftrie durch
den konzentrierten mechanifchen Großbetrieb verdrängen zu Iaffen, foll in
diefem Zufammenhang nur hingewiefen werden: das ift die Lohn
erhöhung, von welcher fpäter eingehender die Rede fein wird. Sobald
der Unternehmer höhere Löhne zahlen muß, wird er von felbft auf eine höhere
Betriebsform drängen, die — unter der Vorausfetzung höherer Löhne — für
ihn rentabler ift. Die Wechfelwirkung zwifchen rückftändiger Betriebsform
und niedrig gelohnter Arbeitskraft und umgekehrt zwifchen hochentwickelter
Betriebsform und hochbezahlter Arbeitskraft ift eine der feftftehenden Er-
kenntniffe nicht bloß der nationalökonomifchen Wiffenfchaft, fondem auch
der beobachtenden Erfahrung.
Welche Perfonenkreife für eine Reform der Hausinduftrie in Betracht
kommen, ift im vorftehenden Kapitel gezeigt. Nur für fie gelten die folgenden.
Kapitel über Reformbeftrebungen.
Ein Allheilmittel gibt es nun, wie überhaupt in der Sozialpolitik, fo auch
für die hausinduftriellen Arbeiterverhältniffe nicht. Verfchiedene Faktoren
haben mitzuwirken, wenn eine Reform zuftande kommen foll. Freilich find diefe
nicht alle von gleicher Wichtigkeit, wie auch den von ihnen zu treffen
den Maßnahmen eine verfchiedene Bedeutung zukommt. Mitzuwirken haben vor
allem die Gefetzgebung und die Heimarbeitcrfchaft felbft.
Wegen der gerade bei den Heimarbeitern oft anzutreffenden äußerften Hilf,
lofigkeit und wegen der Schwierigkeit, hier eine ftarke Selbfthilfe zu organi-
fieren, obliegt auch der Gefellfchaft, namentlich gewiffen Ständen,
die Pflicht, an einer Hebung der Heimarbeiterfchaft nach Kräften mitzuwirken.
Demgemäß werden wir im folgenden, da wir eine Reform der hausinduftriellen
Arbeitsverhältniffe ins Auge faffen, zunächft die gefetzlichen Maß
nahmen befprechen, dann die Selbfthilfe und endlich die aus
andern Kreifen kommende Hilfe.