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nicht eine Entwicklung, sondern ein Zustand daigelegt werden soll. Zu diesem Zwecke wurden die
Passivposten der Bilanzen gesondert in eigenes und fremdes Kapital; die Posten der Aktivseite,
deren Summe das Gesamtvermögen des Unternehmens angibt, wurden zunächst geteilt in produzierendes
Vermögen und in Wertpapiere und Beteiligungen. Weiter wurden die einzelnen Posten des produ
zierenden Vermögens zusammengefaßt in produzierendes Anlagevermögen und Betriebsvermögen;
die Vorräte, die einen Teil des letzteren bilden, wurden nochmals für sich angeführt. Den Gewinn-
und Verlustrechnungen wurden die Abschreibungen entnommen.
Für die Aktiengesellschaften der Montan-, Metallverarbeitungs-, Maschinen- und Elektrizitäts
industrie wurden Betriebsvermögen und kurzfristige Schulden zueinander in Beziehung gesetzt.
Die Größe dieses Verhältnisses zeigt die Liquidität der Gesellschaften. Das produzierende Anlage
vermögen wurde mit den Wertpapieren und Beteiligungen zum Gesamtanlagevermögen, die langfristigen
Schulden mit dem eigenen Kapital zum dauernd verfügbaren Kapital verbunden; das Verhältnis
des letzteren zum Gesamtanlagevermögen zeigt, wie weit das dauernd verfügbare Kapital außer
zum Anlagevermögen noch zum Betriebsvermögen beiträgt. 1 2
Diese Untersuchungen beschränken sich auf diejenigen industriellen Aktiengesellschaften und
Kommanditgesellschaften auf Aktien, deren Aktien oder Obligationen an der Berliner Börse gehandelt
werden. Unter ihnen sind die wichtigeren Industrien genügend zahlreich vertreten; auch umfaßt
der Kreis dieser Aktiengesellschaften nicht ein engbegrenztes Gebiet, sondern das ganze Deutsche
Reich; ferner liegt für sie regel- und gleichmäßiges Material in den verschiedenen Jahren vor. Eine
gewisse Einseitigkeit hat diese Begrenzung insofern zur Folge, daß, da die Zulassungsbedingungen
der Berliner Börse für die Aktien ein Mindestaktienkapital von einer Million Mark, für die Obli
gationen eine Mindesthöhe der Anleihe von ebenfalls einer Million Mark vorschreiben, die kleineren
Unternehmen ausgeschaltet werden. Auch alle nicht tätigen Gesellschaften, d. h. diejenigen, die sich
in Liquidation oder Konkurs befinden, scheiden aus.
Da nur die industriellen Gesellschaften in Betracht kommen, werden die land- und forst
wirtschaftlichen Unternehmungen, die Bau- und Terraingesellschaften, die Hotels, die Vergnügungs
unternehmungen, die Transport- und Telegraphengesellschaften, die Banken und Versicherungs
gesellschaften nicht berücksichtigt.
Es wurden für die Untersuchungen gewählt die Jahre 1901 bis 1910, eine Zeit, auf die
die Jahre der guten und der schlechten Konjunkturen im ganzen gleichmäßig verteilt sind. Die
Grundlage der Untersuchungen bilden neben den gelegentlich herangezogenen Originalen die Auszüge
der jährlichen Geschäftsberichte und Bilanzen, wie sie in den Jahrgängen 1902/03 bis 1912/13 von
„Salings Börsenjahrbuch“ veröffentlicht sind. Ferner wurden verwandt „Neumanns Bilanztabellen“,
Jahrgang 2 bis 7, und „Saling, Bilanz- und Rentabilitätstäbellen“, Jahrgang 1911/12 bis 1913/14.
Während aber Salings Börsenjahtbuch dem rühmlichst bekannten „Handbuch der deutschen Aktien
gesellschaften“, dessen Angaben den ersten amtlichen Statistiken zugrunde liegen, an Zuverlässigkeit
gleichkommt, wimmeln die beiden genannten Tabellenwerke geradezu von irreführenden und falschen
Angaben, vor allen Dingen von Druckfehlern.
Bearbeitung des Materials.
Die Bilanzen derjenigen Gesellschaften, deren Geschäftsjahr nicht mit dem Kalenderjahr
zusammenfällt, sind, falls der Anfang des Geschäftsjahres zwischen den 1. Juli und das Ende,
des Kalenderjahres fällt, als zum folgenden Jahre, die übrigen als zum laufenden Jahre gehörig
gerechnet worden. 3 * *
Die. Einteilung der Aktiengesellschaften nach ihrer Zugehörigkeit zu den verschiedenen
Industrien entspricht in dieser Arbeit im allgemeinen der Teilung nach Gewerbegruppen, wie sie die
amtliche Statistik vorsieht; nur ist für die Gas- und Wasserwerke, sowie für die Eiektrizhätsindustrie
je eine neue Gruppe gebildet worden.
Bei der Verarbeitung der Bilanzen wurde jeder auftretende Saldo, gleichgültig ob er auf
der Aktiv- oder Passivseite stand, unberücksichtigt gelassen. 8 Das eigene Kapital besteht aus dem
eingezahlten Aktienkapital und den Reserven. War in den Bilanzen auch nicht eingezahltes Aktien
1) Nach R. Passow, Die Bilanzen der privaten Unternehmungen S. 69 und R. Ehrenberg, Die Bedeutung
geschäftlicher Bilanzen für die Wirtschaftswissenschaften; Archiv für exakte Wirtschaftsforschung (Xhünen-Archiv) Bd, 1.
Ähnlich bei H. Lomnitz: Die systematische Bearbeitung der Veröffentlichungen von Aktiengesellschaften.
2) Die jährliche amtliche Statistik, beispielsweise für das Jahr 1910/ir, umfaßt die Aktiengesellschaften
mit denjenigen Bilanzen, deren Abschlußtag innerhalb der Zeit vom 1. Juli 1910 bis zum 30. Juni 1911 liegt.
3) Man könnte auch so verfahren, daß man die (Gewinn-) Salden auf der'Passivseite unberücksichtigt läßt,
dagegen die (Verlust-) Salden der Aktivseite als Korrektivposten betrachtet und sie gegen das eigene Kapital der
Passivseite der betreffenden Bilanz verrechnet.