Full text: Der finanzielle Aufbau der deutschen industriellen Aktiengesellschaften in den Jahren 1901 bis 1910

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kapital ausgewiesen, so wurden beide Seiten um die Höhe des entsprechenden Aktivpostens gekürzt. 
Zu den Reserven wurden nicht gerechnet die Wohlfahrtsfonds, der Gewinnvortrag und die sogenannten 
Abschreibungs- oder Amortisationsfonds, soweit sie in ihrer ganzen Höhe als‘Korrektivposten gegenüber 
dem nicht um die Abschreibungen verkürzten Anlagevermögen festgestellt werden konnten; wenn sie 
nur als teilweise Korrektivposten 1 anzusehen waren, so wurden sie zu den Reserven gerechnet. 
Derartige Posten treten bei den meisten Industrien sehr vereinzelt auf. Nur bei den industriellen 
Gesellschaften, deren Betrieb einer Konzession unterliegt, also den Gas-, Wasser- und Elektrizitäts 
werken, sind sie häufiger und erscheinen unter den verschiedensten Namen, sind aber ihrer Natur 
nach nicht sicher zu erkennen. Daher wurden sie für diese Gesellschaften in den einzelnen Jahren 
als Reserven betrachtet, der Durchschnitt der io Jahre aber zweifach ermittelt, und zwar erstens 
einschließlich dieser teilweisen Korrektivposten und zweitens mit Verrechnung dieser Posten gegen 
das produzierende Anlagevermögen. Die übrigen zweifelhaften Reserveposten, wie Delkredere, 
Garantiefonds, Erneuerungsfonds usw., wurden, da alle näheren Angaben über sie fehlen, stets neben 
den gesetzlichen und den freiwilligen Reserven als Reserven angesehen. 2 3 Das eigene Kapital ist 
prozentual in Verhältnis gesetzt zum Aktienkapital. 
Die übrigen Passivposten bilden das fremde Kapital; es setzt sich zusammen aus den Schuld 
verschreibungen, Hypotheken und Darlehen auf längere Frist, den Kreditoren und den Wohlfahrts 
fonds. Waren die Schuldverschreibungen noch nicht voll begeben, oder war auf der Aktivseite ein 
Disagio ausgewiesen, so wurden beide Seiten um den angegebenen Betrag gekürzt. Zu den Kreditoren 
wurden außer den gleichnamigen Posten alle kurzfristigen Verpflichtungen wie Zinsen, ausgeloste Obli 
gationen, Kautionen, soweit sie nicht gegen Aktivkautionsposten verrechnet wurden, Löhne, Spargut 
haben usw. gezählt. Die Wohlfahrtsfonds wurden einheitlich zum fremden Kapital gerechnet — 
obwohl sie zum Teil als Reserven zu betrachten sind —, da ihre Entstehung und ihre Bestimmung 
meistens nicht ersichtlich sind. Das fremde Kapital ist in prozentuale Beziehung zum eigenen Ka 
pitale gesetzt; außerdem wurde für Tabelle 35 und 36 die Höhe der langfristigen Schulden in 
Prozenten des Aktienkapitals errechnet. 
Zum produzierenden Anlagevermögen wurden, auf der Aktivseite, alle für die Produktion 
der Gesellschaft in Betracht kommenden nichtflüssigen Posten gezählt, also Grundstücke, Gebäude, 
Maschinen, Werkzeuge und Transportmittel, Patente, Unternehmungen in eigener Verwaltung und 
Zweiggeschäfte, ferner die Aktivkautionen, soweit sie nicht gegen Passivkautionen verrechnet werden 
konnten, die für Versicherung, Miete usw. pränumerando gemachten Aufwendungen und die Hypo 
theken; die letzteren sind im allgemeinen selten und von geringer Höhe, meist dienen sie wohl zur 
Beschaffung von Arbeiterwohnungen; eine größere Rolle spielen die Aktivhypotheken nur bei den 
Brauereien, wo sie durch Vergrößerung des Absatzes mittelbar zur Produktion beitragen. 
Zum Betriebsvermögen gehören alle flüssigen' Mittel, wie. Kasse, Wechsel, Bankguthaben, 
Staatspapiere und andere Fonds, Debitoren und Vorräte; eine Gliederung nach der Liquidität der 
einzelnen Posten war bei der zum Teil sehr geringen Spezialisierung in den Bilanzen nur insofern 
möglich, als die Vorräte getrennt von den übrigen aufgeführt wurden. Anlagevermögen, Betriebs 
vermögen und Vorräte wurden in Prozenten des produzierenden Vermögens errechnet. 
Als Anlagevermögen wurden neben dem produzierenden Anlagevermögen noch die sonstigen 
Wertpapiere, also Aktien, Kuxe, Obligationen usw., und die Beteiligungen angesehen und in Prozenten 
des Gesamt Vermögens dargestellt. 
Die Abschreibungen enthalten außer den in den Gewinn- und Verlustrechnungen ausgewie 
senen Posten auch die Sonderabschreibungen, soweit sie ermittelt werden konnten. 
Bei der Liquidität der Gesellschaften als auch bei dem Verhältnis des dauernd verfügbaren 
Kapitals zum Gesamtanlagevermögen wurden die Wohlfahrtsfonds nicht berücksichtigt. 
Ergaben sich bei den so errechneten Posten der Tabellen in einzelnen Jahren größere Ab 
weichungen gegenüber den benachbarten Jahren, so wurden, falls diese Abweichungen nur auf eine 
Gesellschaft oder auf eine beschränkte Anzahl von Gesellschaften entfielen, diese Gesellschaften in 
den Fußnoten zu den Tabellen namentlich und soweit möglich mit Angabe der Ursache der Ab 
weichung angeführt. Zugleich dienen diese Fußnoten dazu, über die Zuweisung ungewöhnlicher Bilanz 
posten zu den erwähnten Kapitals- oder Vermögensteilen Aufklärung zu geben. 
Bei der Beurteilung der Ergebnisse ist zu beachten, daß die Bilanzen nur selten die finan 
ziellen Verhältnisse der Aktiengesellschaften der Wirklichkeit vollkommen entsprechend darstellen. 8 Dies 
1) Siehe z. B. Kohlenbergbau S. XI, Fußnote 3. 
2) Im allgemeinen spielen diese zweifelhaften Reserven keine sehr große Rolle. Wo sie in größerer Höhe 
ausgewiesen sind, enthalten sie meist in erheblichem Maße echte Reserven; z. B. El.-A.-G. vorm. Schlickert & Co.; 
Delkredere für Minderbewertung 1902/08. S. d. Geschäftsbericht für 1908/09. 
3) Siehe Passow, Die Bilanzen der privaten Unternehmungen S. 296.
	        
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