56 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Formen der Aufklärung, und seine Diener verfielen zum Teil
der Verachtung: „Kein Mensch zieht mehr seinen Hut ab,
wenn er einem Geistlichen begegnet.“
Zwar hatte schon in sehr früher Zeit ein überaus ener⸗
zischer Versuch zur Subjektivierung des Christentums statt⸗
gefunden, durch Zinzendorf, und er hatte auch schon zu einer
klaren subjektivistischen Kirchenverfassung geführt, zur Bildung
der Sekte der Herrnhuter?. Denn freie Kirche im freien
Staate, und das heißt freie Sektenbildung, das ist das all⸗
gemeine Ideal subjektiver Frömmigkeit.
Allein der Fall war vereinzelt geblieben. Und innerhalb
der Kirchen war der Katholizismus durch volles Ausruhen,
wenn nicht Aussterben religiös fruchtbarer Gedanken gekenn—
zeichnet; aber auch im Protestantismus herrschte die Stille auf—
klärerischer Prosabeschaulichkeit, wenn auch schon durch An—
näherungsversuche an die neue seelische Welt unterbrochen.
Allein was wollten die Hamannsche Personalorthodoxie, was
Lavaters und Jung Stillings Wunderlichkeiten, ja was selbst
der aufrüttelnde Einfluß Herders und die still überleitende
Schmiegsamkeit von Männern wie Claudius für die Um—
gestaltung des Ganzen besagen? Die mystisch-pietistischen Kreise
gegen Schluß des Jahrhunderts, die Jacobi, die Gallitzin
mußten sich im ganzen ohne Vorbild mit der zunehmenden
subjektivistischen Kultur, mit Klassizismus, Kant und dem
modernisierten Spinoza abfinden, und da näherten sie sich nun
in der Methode schon der Fruhromantik: um sich zu Gott zu
erheben, sei es notwendig, sich auf Fittichen des Gemütes, wie
vermöge eines Saltomortale, befreit von den trügerischen Netzen
der Philosophie, emporzuschwingen.
Unter diesen Umständen bedeutete es eine volle Revolution,
als Schleiermacher, einer der Frühromantiker, ein um wenige
Jahre jüngerer Zeitgenosse Fichtes, 1768 geboren, die erste Ver—
Leipzig im Profil GPamphlet von 1789, aber mit manchen guten
Beobachtungen), S. 108 104.
2 S. Band VIII, 1, S. 278 f.