— 38 —
selbst der große Verkünder der reinen Lehre des Marx, her Wächter des
Erälsheiligtums, wie ihn Sombart a. a. O. sehr nett bezeichnet, Karl
Kautsky dieser Sünde nicht bloß ist. So sagt er in seinem Aufsatz „Tolstoi
und Brentano" („Neue Zeit" XIX, 2. Band, S. 20 flg.): „Die hervor
ragendsten Vertreter des modernen Sozialismus wollen einen Zustand her
beiführen, in dem die großen Staedte aufhören, sie wollen die Gesellschaft
erneuern . . . durch Reduzierung der notwendigen Arbeit in Landwirtschaft
und Industrie auf wenige Stunden im Tage, um dadurch die Zeit für die
freiwillige Beschäftigung der einzelnen in Spiel und Arbeit, im Forschen
und Sinnen, kurz, die Betätigung als freier Kulturmensch möglichst auszu
dehnen. Das ist im Gegensatz zu Tolstoi das Ideal des Sozialismus."
Diese Meinung ist aber ^,vor allem der unvereinbare Gegensatz p einer
materialistischen Auffassung des sozialen Lebens, das nach dieser ein natur
gesetzlich sich entwickelnder Mechanismus sein sollte, und es ist eim unlöslicher
Widerspruch gu Marx, der da gelehrt hatte: „Die Arbeiterklasse hat keine
Ideale zu verwirklichen." .(Stammler a. a. O., S. 669, Anmerk. 220.)
d) D i e K lasse nk am p ftheo ri e.
Nur ein Ausfluß des historischen Materialismus ist die stets mit aller
Schärfe zu allen Zeiten seiner Entwickelung von Marx festgehaltene
Lehre, daß die Arbeiterbewegung sich nur in der Form von Klassenkämpfen
abspielen solle. Alle wesentlichen Grundzüge dieser grandiosen Lehre
finden sich bereits in dem anfangs des Jahres 1848 veröffentlichten gemein
schaftlich von Marx und Friedrich Engels verfaßten, im Jahre 1847 als
ProgramMschrift dem Bunde der Gerechten in Brüssel unterbreitetem und
von ihm mit Begeisterung angenommenen „Kommunistischen Manifest".
Trotz aller außerordentlichen Einseitigkeiten, Schärfen und verzerrter Ur
teile findet man, wie Werber Sombart durchaus mit Recht (a. a. O., S. 60)
bemerkt, immer wieder neue unerwartete und unerhörte Wahrheiten in ihm.
Es ist einfach staunenswert, welcher ungeheuere Gedankenreichtum in diesen
wenigen Blättern — das ganze Manifest umffaßt in seiner 1912 im Vor-
wärtsverlag erschienenen 8. autorisierten, mit einem umfangreichen Vor
worte von Karl Kautsky versehenen Auslage, 56 Seiten — enthalten ist.
„Es ist das seltsamste Schriftstück, das die Weltliteratur kennt. Es strotzt
von Irrtümern, von unreifen Ideen und es ist trotzdem ein unübertroffenes
Meisterstück. Von hinreißendem Schwünge . . . Manche Erkenntnisse, die es
enthält, sind von geradezu hellseherischer Weisheit eingegeben." Die eine
Keimzelle gewissermaßen schließt das Kommunistische Manifest alles Wissen
vom Wdsen der modernen bürgerlichen Gesellschaft in sich, freilich alles nur
in aphoristischer Form, giganten- und freskenhwft hingeworfen. Manche
Sätze muten an, als ob sie im Motfeuer des Bolschewismus geistern oder
heute von Lenin oder Trotzki selber niedergeschrieben chären,; gleich der
erste einleitende Satz beleuchtet blitzartig unsere heutige europäische Lage:
„Ein Gespenst geht um in Europa — das Gespenst des Kommunismus."
(S. 25 der ziterten Ausgabe.) Grundlegend ist gleich der erste Satz des
ersten Abschnitts „Bourgois und Proletarier": „Die Geschichte aller bisheri
gen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen". (S. 25.) Nur waren
im Altertum und im Mittelalter die Klassengegensätze nicht so nackt und un-