Full text: Wissenschaftlicher Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus und Bolschewismus

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selbst der große Verkünder der reinen Lehre des Marx, her Wächter des 
Erälsheiligtums, wie ihn Sombart a. a. O. sehr nett bezeichnet, Karl 
Kautsky dieser Sünde nicht bloß ist. So sagt er in seinem Aufsatz „Tolstoi 
und Brentano" („Neue Zeit" XIX, 2. Band, S. 20 flg.): „Die hervor 
ragendsten Vertreter des modernen Sozialismus wollen einen Zustand her 
beiführen, in dem die großen Staedte aufhören, sie wollen die Gesellschaft 
erneuern . . . durch Reduzierung der notwendigen Arbeit in Landwirtschaft 
und Industrie auf wenige Stunden im Tage, um dadurch die Zeit für die 
freiwillige Beschäftigung der einzelnen in Spiel und Arbeit, im Forschen 
und Sinnen, kurz, die Betätigung als freier Kulturmensch möglichst auszu 
dehnen. Das ist im Gegensatz zu Tolstoi das Ideal des Sozialismus." 
Diese Meinung ist aber ^,vor allem der unvereinbare Gegensatz p einer 
materialistischen Auffassung des sozialen Lebens, das nach dieser ein natur 
gesetzlich sich entwickelnder Mechanismus sein sollte, und es ist eim unlöslicher 
Widerspruch gu Marx, der da gelehrt hatte: „Die Arbeiterklasse hat keine 
Ideale zu verwirklichen." .(Stammler a. a. O., S. 669, Anmerk. 220.) 
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Nur ein Ausfluß des historischen Materialismus ist die stets mit aller 
Schärfe zu allen Zeiten seiner Entwickelung von Marx festgehaltene 
Lehre, daß die Arbeiterbewegung sich nur in der Form von Klassenkämpfen 
abspielen solle. Alle wesentlichen Grundzüge dieser grandiosen Lehre 
finden sich bereits in dem anfangs des Jahres 1848 veröffentlichten gemein 
schaftlich von Marx und Friedrich Engels verfaßten, im Jahre 1847 als 
ProgramMschrift dem Bunde der Gerechten in Brüssel unterbreitetem und 
von ihm mit Begeisterung angenommenen „Kommunistischen Manifest". 
Trotz aller außerordentlichen Einseitigkeiten, Schärfen und verzerrter Ur 
teile findet man, wie Werber Sombart durchaus mit Recht (a. a. O., S. 60) 
bemerkt, immer wieder neue unerwartete und unerhörte Wahrheiten in ihm. 
Es ist einfach staunenswert, welcher ungeheuere Gedankenreichtum in diesen 
wenigen Blättern — das ganze Manifest umffaßt in seiner 1912 im Vor- 
wärtsverlag erschienenen 8. autorisierten, mit einem umfangreichen Vor 
worte von Karl Kautsky versehenen Auslage, 56 Seiten — enthalten ist. 
„Es ist das seltsamste Schriftstück, das die Weltliteratur kennt. Es strotzt 
von Irrtümern, von unreifen Ideen und es ist trotzdem ein unübertroffenes 
Meisterstück. Von hinreißendem Schwünge . . . Manche Erkenntnisse, die es 
enthält, sind von geradezu hellseherischer Weisheit eingegeben." Die eine 
Keimzelle gewissermaßen schließt das Kommunistische Manifest alles Wissen 
vom Wdsen der modernen bürgerlichen Gesellschaft in sich, freilich alles nur 
in aphoristischer Form, giganten- und freskenhwft hingeworfen. Manche 
Sätze muten an, als ob sie im Motfeuer des Bolschewismus geistern oder 
heute von Lenin oder Trotzki selber niedergeschrieben chären,; gleich der 
erste einleitende Satz beleuchtet blitzartig unsere heutige europäische Lage: 
„Ein Gespenst geht um in Europa — das Gespenst des Kommunismus." 
(S. 25 der ziterten Ausgabe.) Grundlegend ist gleich der erste Satz des 
ersten Abschnitts „Bourgois und Proletarier": „Die Geschichte aller bisheri 
gen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen". (S. 25.) Nur waren 
im Altertum und im Mittelalter die Klassengegensätze nicht so nackt und un-
	        
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