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Die Eisenbahnen: Linienführung.
Linienführung.
Oftmals ist nun die Geländebildung derart, daß man die Bahnlinie nicht mit der
zweckmäßigsten oder „maßgebenden" Steigung auf thunlichst direktem Wege hindurchlegen
kann. Das natürliche Gefälle des zu durchfahrenden Thales oder Passes kann so stark
sein, daß die bergaufwärts geführte Bahn bald in die Sohle eiuschneiden würde und dann
im Tunnel weitergeleitet werden müßte, was meistens nicht angängig ist. Auch kann der
Fall vorliegen, daß ein Gebirgsstock vorgelagert ist und durchtunnelt werden muß, die
Bahn ihn aber mit der maßgebenden Steigung noch so tief trifft, daß der Tunnel viel
zu lang und zu teuer ausfallen würde. Man muß dann danach trachten, die Bahn in
höherer Lage an den Thalhängen hinzuleiten, so daß der Gebirgszug an einer wesentlich
schmaleren Stelle angeschnitten wird. Freilich darf anderseits wiederum die Bahnlinie
auch nicht zu hoch über der ganzen Thalsohle sich hinziehen; denn unten liegen die Ort
schaften, die bequemen Zugang zu den Stationen haben müssen. Beide widerstreitende
Forderungen sind miteinander zweckmäßig in Einklang zu bringen. Man sucht in solchem
Falle der Bahn an geeigneten Stellen durch Ablenkung vom direkten Wege absichtlich
eine größere Länge zu geben, damit sie dadurch — ohne Erhöhung des Steigungs-
Verhältnisses — die gewünschte Höhenlage erlangt. Man nennt dieses Verfahren: die
künstliche Entwickelung der Linie. Hierfür haben sich nach und nach mehrere Weisen
ausgebildet, die wegen ihrer sinnreich erdachten Art verdienen, kurz erörtert zu werden.
Das älteste Mittel zur Höhengewinnung ist das des Ausfahrens von Seiten
thälern. Schließen solche an das von der Bahn durchzogene, stark ansteigende Haupt
thal an, so wird jene an der Lehne eines derselben entlang geführt, übersetzt dann mittels
einer Brücke das Nebenthal und kehrt an dem gegenüberliegenden Hange in das Haupt
thal zurück und zwar in wesentlich höherer Lage als vorher beim Verlassen desselben.
In dieser Weise sind namentlich die beiden ersten Alpenbahnen, die über den Semmering
und über den Brenner, durchgeführt worden.
Die Semmeringbahn wurde 1848—1854 unterGhegasLeitung erbaut. Überaus
reich an landschaftlich hervorragenden Bildern und Naturreizen, gehört diese im Zuge der
Wien-Triester Linie liegende älteste Gebirgsbahn nicht nur zu den schönsten Bahnen,
sondern auch zu den denkwürdigsten. Sie bildet einen bedeutungsvollen Merkstein in der
Entwickelung der Eisenbahnen. Ihr Bau — noch heute bewundert — hat seiner Zeit
völlig neue Gesichtspunkte eingeführt. Er hat gezeigt, daß sich Hauptbahnen mit langen
Steigungen von 25°/og (1:40) und scharfen Krümmungen durchführen lassen, wenn
genügend leistungsfähige und für das Durchfahren der Gleisbögen geeignete Loko-