Allgemeine Regeln
aus zweiter oder dritter oder noch späterer Hand zu be-
gnügen. Solch spätere Mitteilungen können uns wohl als
Wegmarken auf unserer Bahn dienen, aber wir müssen
selbst weiter den steilen Pfad hinan, um zur frischen
Quelle an der Felswand zu gelangen. Wir werden noch
des öfteren auf diese Haupt- und Grundregel alles wissen-
schaftlichen Arbeitens zurückkommen.
Anders verhält es sich mit den gelegentlichen An-
gaben und nebensächlichen Dingen, die mit unserem Stoff
und den einschlägigen Grenzgebieten in gar keiner näheren
Verbindung stehen. Da wäre es sicherlich zu viel verlangt,
wenn man z. B. bei der gelegentlichen Erwähnung einer
Begebenheit aus der assyrischen oder ägyptischen Geschichte
stets unmittelbar auf die keilschriftlichen oder hierogly-
phischen Texte zurückgehen müßte, die uns als erste und
älteste Quelle etwas über jenes Ereignis berichten. Wir
müssen uns bei solchen Angaben oft damit begnügen,
nur mittelbar aus der Quelle zu schöpfen und auf die
Darstellung der betreffenden Begebenheit in einer Bear-
beitung der assyrischen oder ägyptischen Geschichte zu
verweisen.
Der Charakter der wissenschaftlichen Arbeit verlangt
aber selbst hier, daß man der ursprünglichen Quelle nach
Möglichkeit nahe zu kommen suche, soweit dieselbe für
uns erreichbar ist. Handelt es sich daher z. B. um Texte
aus den uns zugänglichen Literaturen, so müssen dieselben
wenn möglich in der besten kritischen Ausgabe des
Originals eingesehen werden. Kommen andere Punkte
in Betracht, für die wir nicht selbst auf das Original
zurückgehen können, so dürfen für gewöhnlich nur Bear-
beitungen und Darstellungen von solchen Verfassern zu
Rate gezogen werden, die selbst aus den ursprünglichen
Quellen geschöpft haben und in dem betreffenden Fach
als wissenschaftliche Autoritäten anzusehen sind. Kleine
Kompendien oder Unterhaltungsschriften oder gar Zeitungs-
artikel als „Quelle“ zu benutzen, würde in der Regel als
arger Verstoß gegen die Wissenschaftlichkeit der Arbeit
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