Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

228  Eisenbahnen:  Die  Zahnradlokomotive.
fehlte  und  im  Zusammenhang  damit  auch  ein  Wasserbehälter.  Die  Kesselspeisnng  konnte
daher  immer  nur  nach  beendigter  Fahrt  und  Ablassen  des  Dampfes  erfolgen.  Diese  groben
Mängel  zwangen  denn  auch  bald  zu  der  neuen  Bauart,  die  von  Marsh  und  dem  Ingenieur
Aiken  erdacht,  1868  zur  Ausführung  gebracht  und  in  Dienst  gestellt  wurde.  Diese  zweite
Bergbahnlokomotive,  auch  mit  stehendem  Kessel  ausgerüstet,  erhielt  zur  Sicherung  der
Thalfahrt  die  von  Marsh  erfundene  Luftgegendruckbremse,  die  wir  seitdem  bei  allen
Dampflokomotiven  für  Zahnbahnen  wiederfinden.  In  die  Abdampfleitung  (rechts  in
Abb.  231)  ist  ein  Rohrstutzen  mit  Verschlußvorrichtung  eingeschaltet.  Bei  der  Thalfahrt,
auf  der  allein  die  Schwerkraft  den  Zug  abwärts  treibt,  wird  dieser  Verschluß  vom  Führer
nach  der  Außenluft  hin  geöffnet,  und  die  Steuerung  auf  Bergfahrt  gelegt.  Die  Dampfkolben
  saugen  jetzt  Luft  an  und  pressen  sie  zusammen,  wodurch  ihnen  ein  Bewegungswiderstand ­
  erwächst.  Diese  Preßluft  kann  der  Führer  langsamer  oder  schneller  ins  Freie  treten

231.  Lokomotive  drr  Uigibohn,  1871.
Erbaut  von  der  Schweizer  Lokomotiv-  und  Maschiiiensabrik  Winterthur.

lassen  und  somit  die  Fahrgeschwindigkeit  des  Zuges  sicher  und  gut  regeln.  Die  bei  dem
Zusammendrücken  der  Luft  vor  sich  gehende  starke  Wärmebildung  wird  durch  Einspritzen
von  Wasser  in  die  Cylinder  beseitigt,  indem  dieses  verdampft  und  ins  Freie  entweicht.
Die  Lokomotive  vom  Jahre  1868  wog  6500  kg  und  vermochte  eine  gleich  schwere
Last  mit  etwa  3  km/Std.  bergauf  zu  schieben,  bergab  dagegen  mit  doppelter  Geschwindigkeit
zu  fahren.  Im  Jahre  1871  änderte  Marsh  die  Lokomotive  dahin  ab,  daß  er  nach
Abb.  230  zwei  Blindachsen  anordnete,  welche  je  die  Arbeit  zweier  Cylinder  aufnehmen
und  durch  ein  Zahnrad  auf  je  ein  Treibzahnrad  übertragen.  Der  stehende  Kessel  ist
so  zum  Radgestell  gelagert,  daß  er  auf  der  Neigung  100  °/ 00  (1:10)  senkrecht  gerichtet
ist.  Auf  wagerechtem  Gleise  steht  er  somit  schief  —  eine  bekannte  Erscheinung  fast  aller
seitdem  erbauten  Zahnradlokomotiven,  die  ihnen  in  dieser  Stellung  ein  wenig  gefälliges  Ansehen ­
  verleiht,  die  aber  durchaus  notwendig  ist,  damit  auch  auf  der  steilsten  Steigung  die
Decke  der  Feuerbüchse  und  die  oberen  Siederöhren  nicht  vom  Wasser  entblößt  werden.
            
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