Full text: Der Weltverkehr und seine Mittel

Die Handelsstädte Italiens. Venedig. Deutschland. Bedeutung der Kreuzzüge. 
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Die Küstenbewohner Deutschlands hatten es zwar schon im Altertum gewagt, mit 
primitiven Schiffen das Meer zu befahren, aber weder diese noch die festgezimmerten, 
mit Schilf kalfaterten und durch märchenhafte Tiergestalten geschmückten Fahrzeuge 
brachten dem Handel Vorteile. Schon die römischen Kaiser kämpften vergebens gegen die 
Seeräuberbanden der Friesen und Sachsen, deren Raubzüge als Wikingerzüge bekannt 
sind, und an welche noch die in Irland an der Küste stehenden, neben den Kirchen er 
richteten Aussichtstürme erinnern. Bis ins zehnte Jahrhundert hinein war die ganze 
Küste durch diese kühnen Seefahrer gefährdet. Die Besiedelung Großbritanniens durch die 
Angelsachsen bewirkte in Verbindung mit der festeren Gestaltung der Verhältnisse Galliens 
und Germaniens, daß die Piraten sich auf die skandinavische und cimbrische Halbinsel 
zurückzogen. Ihre Kraft war jedoch noch lange nicht gebrochen und trat nicht selten mit 
elementarer Gewalt hervor. Karl der Kahle, Karl der Dicke und Karlmann waren ge 
nötigt, große Summen zu zahlen, um das Reich von den Skandinaviern und den Nor 
mannen zu befreien. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts gründeten die letzteren in 
verschiedenen Teilen Europas, besonders in Spanien, auf Sizilien und in dem südlichen 
Italien Herrschaften, welche sich zu einer gewissen Bedeutung erhoben. Im Jahre 1090 
eroberten sie Malta, welche Insel später (1530) von Kaiser Karl Y. den Johanniter-Rittern 
zum Geschenk gemacht wurde. 
Der bedeutendste der Normannenfürsten, Robert Guiscard rief die Idee zu den 
für die Gestaltung des Welthandels in den folgenden Jahrhunderten so sehr bedeutungs 
vollen Kreuzzügen ins Leben, welche Idee seitens des Papstes und der italienischen 
Seestädte mit Lebhaftigkeit aufgegriffen wurde. Die in der Zwischenzeit dem Handel nach 
Syrien und Ägypten durch die religiösen Anschauungen, welche in diesem Handel mit 
den Ungläubigen etwas Unzulässiges erblickten, erwachsenen Hemmnisse mußten es den 
italienischen Hafenstädten erwünscht erscheinen lassen, am Jordan und am Nil wiederum 
das Kreuz aufgerichtet zu sehen. Um diese Zeit hatte sich in der Poebene eine blühende 
Industrie entwickelt, welche erklärlicherweise auf den Handel der italienischen Seestädte 
einen günstigen Einfluß ausübte. Auch dieser Umstand trug dazu bei, den frommen Eifer 
zur Zurückeroberung des Heiligen Landes anzuspornen. Es ist von besonderem Interesse, 
darauf hinzuweisen, daß selbst die Kreuzprediger in ihren Predigten die Behauptung ein 
flochten, daß man durch die Eroberung Ägyptens zum unmittelbaren Besitz des indischen 
Handels gelangen könne, und daß die Eroberung Jerusalems samt den umliegenden 
Ländern zur bequemen Überführung der Waren nach Europa sehr vorteilhaft sein würde. 
Die Venezianer beteiligten sich an den Kreuzzügen als Handelsmacht. Sie be 
trachteten die Niederlassungen im Heiligen Lande als Handelsfaktoreien, welche ihnen 
die Möglichkeit gewähren sollten, außer über der großen über Konstantinopel führenden 
Handelsstraße auch einen unmittelbaren Verkehr mit dem Morgenlande zu unterhalten. 
Auch noch in anderer Weise erwiesen sich die Kreuzzüge für einige italienische und süd 
französische Seestädte in finanzieller Beziehung von Vorteil. Die zunehmenden Pilger 
fahrten führten nämlich zu einem regelmäßigen zweimaligen Postkurs im Jahre. Diese 
Fahrten nahmen insbesondere von Venedig, Genua, Pisa, Amalfi und Marseille ihren 
Ausgang. Mit dieser Personenbeförderung war ein geregelter Frachttransport verbunden. 
Das sogenannte Passaginm, die Meerfahrt nach dem Heiligen Lande, begann im Früh 
jahr und um die Sonnenwende. Mit der ersten Fahrt kam man um Ostern, mit der 
zweiten im August oder September in Palästina an. Durch den Vertrag, welchen 
Ludwig IX. abschloß, erhält man einen ungefähren Anhalt über die Kosten der Überfahrt. 
Danach waren für einen Ritter mit zwei Knappen, ein Pferd und einen Pferdejungen 
etwa 300 Mark (nach unserem Gelde) zu zahlen. Ein Ritter zahlte auf dem Kajüttplatz 
90 Mark, ein Knappe auf dem Deckplatz 35 Mark. Der Fahrpreis für einen Pilger auf 
dem letzteren Platz betrug 30 Mark. 
Nachdem die Pilger wochenlang sich in den Hafenstädten aufgehalten hatten und nachdem 
endlich die Schiffe mit allem Erforderlichen ausgerüstet waren, begann die Einschiffung. 
Die Pilgergcfellschaften zogen unter Vortritt der Geistlichen an Bord und zwar in feierlicher 
Prozession, Hymnen und Pilgerlieder singend. Um das Fahrzeug wurden an den Brust 
wehren die bunten Schilder der Ritter befestigt und aus dem Kastell die Fahnen aufgesteckt. 
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