262 Eisenbahnen: Güterwagen.
Wir finden heutigestags ans den festländischen Bahnen die Zahl der gedeckten Wagen
im Verhältnis zu den offenen wesentlich größer als in England. Während z. B. in
Deutschland und Frankreich durchschnittlich auf zwei offene Güterwagen ein bedeckter ent
fällt, kommt in England ein solcher ans je dreizehn offene Wagen. In letzterem Lande
sind jedoch, infolge seiner natürlichen Gestaltung und Ausdehnung, die Fahrstrecken kürzer
als bei uns, auch werden die Güterzüge mit wesentlich größerer Durchschnittsgeschwindig
keit gefahren als auf dem Festlande. Ferner sind die englischen Güterschuppen mit mechanisch
bewegten Hebezeugen in reichstem Maße ausgestattet, so daß das Be- und Entladen der
Wagen in sehr kurzer Zeit vor sich geht. Derartige Hebekräne können aber bei bedeckten
Wagen nur unvollkommen ausgenutzt werden. Wir sehen deshalb auch in den festländischen
Güterschuppen das Ladegeschäft vorwiegend mit der Sackkarre bewältigt. Im Güter
verkehre steht England unübertroffen da und kann, was Schnelligkeit des Transportes
und des Verfrachtens einschließlich Gestellens an die Empfänger betrifft, als glänzendes
Vorbild allen anderen Eisenbahnländern dienen. Seine Frachtsätze sind allerdings auch
höher als bei uns, aber der erzielte Zeitgewinn im Güterumschläge und die bessere Wagen
ausnutzung sind schwerwiegende Vorzüge.
In Amerika haben sich aus früher schon dargelegten Gründen von Anfang an Dreh
gestellwagen Eingang verschafft. Auch dort werden die bedeckten Wagen in großer Zahl
benutzt. Der Güterverkehr spielt sich ähnlich wie in Deutschland ab, d.h. es werden lange
Güterzüge mit geringer Geschwindigkeit gefahren, um die Lokomotiven wirtschaftlich voll
auszunutzen. Es ist aber nicht gerechtfertigt, nur die wirtschaftliche Seite der Lokomotiv-
maschine im Güterverkehre als allein ausschlaggebend hinzustellen.
Güterwagen erfahren im Betriebe eine andere Behandlung als Personenwagen.
Nach ihrer Beladung werden sie auf den Güterbahnhöfen zu Zügen zusammengestellt,
unterwegs ans den Abzweigstationen in andere Züge eingestellt und auf den Empfangs
stationen wieder den Entladestellen zugeführt. Dieses Umsetzen vollzieht sich im Rangier
oder Verschiebedienst. Je schwerer eine ans Einzelteilen bestehende Wagenladung ist,
desto sorgfältiger muß sie im allgemeinen verladen und desto vorsichtiger und langsamer
muß sie beim Rangieren behandelt werden, damit bei starkem, plötzlichem Bremsen oder
beim Ausstößen ans andere Wagen ein Verschieben der Last im Wagen und ein Beschädigen
derselben oder des Wagens vermieden wird. Dazu kommt die Rücksicht auf ein Bewegen
der beladenen Wagen an ihrer Be- und Entladestelle durch Pferde oder Menschen. Deshalb
werden allgemein nur verhältnismäßig kleine Nutzlasten zugelassen und zwar 10 000 bis
15 000 kg. Fiir Sonderzwecke (Kessel, Schienen, Walzeisen) kommen auch bei uns Wagen
mit 30 000 kg Ladegewicht vor (Abb. 266). In Amerika hat man für Massengüter
(Kohle, Erze u. s. w.) Wagen mit 27 000 kg und mehr, seit 1898 auch mit 50 000 kg
Tragkraft und bis 72 cbm Fassungsraum gebaut, in England für Dampfkessel, Panzer
platten u. s.w. solche bis zu 50000 kg, während die gewöhnlichen englischen Güterwagen
einschließlich der Erz- und Kohlenwagen meistens weniger als 10 000 kg Ladung aufnehmen.
Derartige große Lasten erfordern natürlich Drehgestelle. Nach den bestehenden Vorschriften
ist auf den Bahnen des Vereins Deutscher Eisenbahn-Verwaltungen für Wagen kein größerer
Raddruck als wie 7000 kg zugelassen. Durch Eiuführung der Lenkachsen und Drehgestelle
hat man den Bau langer Wagen mit leichtem, ruhigem Laufe ermöglicht. Die fortschreitende
Entwickelung der Güterwagen bis auf die Neuzeit lassen die Abb. 267 und 268, die der
oben angezogenen englischen Quelle entnommen sind, erkennen. Sie zeigen uns zwar nur
die Muster der englischen Midland-Bahn, aber ein ähnlicher Übergang vom Kleinen zum
Großen und vom roh Gefügten znm besser Durchdachten hat sich überall vollzogen.
Mannigfaltig ist die Bauart der Güterwagen. Die verschiedenen Arten von Fracht
gut haben eine große Buntscheckigkeit erzeugt. Abgesehen von den beiden schon genannten
Hauptklassen, bedeckte und offene Güterwagen, haben wir noch die Unterscheidung in all
gemeine und Spezialwagen zu treffen. Die ersteren sind, bedeckt oder offen, ohne
besondere Einrichtungen für das gewöhnlich zu verfrachtende Gut, dagegen meistens auch
für den Militärtransport vorgesehen, bedeckte Wagen für Mannschaften und Pferde, offene
für Geschütze, Fuhrwerke, Munition u. s. w.