Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

Reisegeschwindigkeit.  Postzüge.

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ZugLienst  und  Fahrgeschwindigkeit.
In  allen  Eisenbahnländern  bestehen  verschiedene  Wagenklassen.  In  Norddeutschland
gibt  es  deren  vier,  in  Süddeutschland  und  den  meisten  anderen  Ländern  drei,  während
wiederum  einige  englische  Bahnen  nur  zwei  Klassen  (erste  und  dritte)  aufweisen.  Das
demokratische  Amerika  hat  ebenfalls  drei  Klassen,  die  zwar  nicht  ausgesprochen  als  solche
bestehen,  aber  doch  thatsächlich  in  Benutzung  sind.  Die  erste  Klasse  wird  hier  durch  die
Luxuswagen  gebildet,  daun  folgt  die  zweite  Klasse  (äußerlich  wohl  als  erste  bezeichnet),
während  die  dritte  Klasse  durch  die  sogenannten  Emigrantenwagen  gebildet  wird.  Überall
hat  man  Raucher-  und  Nichtraucherwagen,  bezw.  Abteile.  Die  englischen,  noch  mehr  die
amerikanischen  Raucherwagen  fallen  häufig  durch  ihre  Unsauberkeit  auf.
Man  unterscheidet  Schnellzüge  und  gewöhnliche  Personenzüge.  In  England
werden  als  erstere  Züge  mit  wenigstens  64  bin  durchschnittlicher  Stundengeschwindigkeit
angesehen.  In  anderen  Ländern  liegt  die  Grenze  vielfach  tiefer.  Neben  dieser  Geschwindigkeit ­
  kommt  noch  die  höchste  Fahrgeschwindikeit  in  Frage,  die  ein  Zug  zwischen
zwei  Stationen  erreicht.
In  Amerika  und  England  ist  die  höchste  Fahrgeschwindigkeit  nicht  gesetzlich
begrenzt.  In  Deutschland  besteht  die  Vorschrift,  daß  die  Züge  eine  Geschwindigkeit  von
höchstens  90  km  in  der  Stunde  erreichen  dürfen.  In  Frankreich  liegt  der  Höchstwert  nach
gesetzlicher  Vorschrift  bei  120  krn/St.
Von  der  Fahrgeschwindigkeit  zu  unterscheiden  ist  die  Reisegeschwindigkeit,  d.  i.
die  auf  die  Stunde  bezogene  durchschnittliche  Reisedauer  eines  Zuges  einschließlich  aller
Aufenthalte  auf  den  Zwischenstationen.  Auf  sie  sind  mannigfache  Umstände  von  Einfluß.
Die  Geländebildung  —  bergig,  hügelig  oder  eben  —  die  größere  oder  geringere  Zahl
von  Ortschaften,  namentlich  die  großen  Städte,  die  von  der  Bahn  berührt  werden,  die
Stärke  des  Handels,  Verkehrs  und  der  Industrie  in  dem  betreffenden  Gebiete,  die  Mitführung ­
  von  Bahnpostwagen,  sowie  die  Lebensgewohnheiten  eines  Volkes  überhaupt  —
bedingen  größere  oder  geringere  Zuggeschwindigkeiten  und  Zugfolge.  England  und  der
dichtbevölkerte  Osten  der  Vereinigten  Staaten  zeigen  darin  die  höchst  entwickelten  Verhältnisse, ­
  desgleichen  der  Westen  und  einige  andere  Bezirke  Deutschlands  (Sachsen).
England  ist  dazu  von  der  Natur  ungemein  bevorzugt.  Die  reich  gegliederten  Küsten
seiner  verhältnismäßig  wenig  ausgedehnten  Bodenfläche,  seine  zahlreichen,  oft  nahe
gelegenen  volkreichen  Städte,  sein  blühender  Handel,  ein  vielseitig  gestaltetes  überaus
reges  Gewerbsleben  und  sein  großer  wertvoller,  den  Warenaustausch  so  stark  beeinflussender ­
  Kolonialbesitz  mußten  bei  einem  so  unternehmungslustigen,  nach  materiellem
Gewinn  besonders  lebhaft  strebenden,  dabei  kapitalkräftigen  Volke  die  Eisenbahnen  zu
großer  Blüte  bringen.  Darum  sehen  wir  dort  auch  einen  so  ungemein  regen,  hoch  entwickelten ­
  Bahnverkehr,  der  in  der  Welt  seinesgleichen  sucht  und  wohl  nur  im  rheinischwestfälischen ­
  Kohlenrevier  bezüglich  des  Güterzugdienstes  erreicht,  im  Personenverkehr  nur
von  den  New  Aorker  Hochbahnen  (S.  369)  übertroffen  wird.  „Zeit  ist  Geld",  dieses
Sprichwort  beherrscht  das  ganze  englische  Leben  und  vor  allem  auch  das  dortige  Eisenbahnwesen. ­

Um  die  durchgehenden  Schnellzüge  von  unnötigem  Aufenthalte  auf  Stationen  frei
zu  halten,  hat  man  drüben  verschiedene,  bei  uns  nicht  gebräuchliche  Einrichtungen.  Dahin
gehören  zunächst  die  besonderen  Postzüge,  die  von  London  ausgehen  und  den  Postdienst
vermitteln.  An  Zwischenstationen  wird  von  ihnen  nicht  gehalten.  Besondere  Fangvorrichtungen ­
  auf  ihnen  ermöglichen  das  Abgeben  und  Aufnehmen  der  Postsäcke  während
der  Fahrt.  Dieses  ist  auch  der  Fall  bei  denjenigen  Postwagen,  die  in  einem  Teile  der
englischen  Schnellzüge  laufen.  Dadurch  sind  letztere  wesentlich  günstiger  gestellt  als  bei
uns,  wo  jeder  Schnellzug  zur  Mitnahme  eines  Postwagens  gesetzlich  verpflichtet  ist  und
durch  die  Ladegeschäfte  desselben  auf  den  Haltestationen  oft  einen  längeren  Aufenthalt
erleidet,  als  ohne  diese  erforderlich  wäre.  Auch  in  Amerika  bestehen  auf  einzelnen  Linien
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