Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

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England  irrt  17.  u.  18.  Jahrhundert.

Lebensmittel.  In  Körben  schleppte  man  den  Dnng  auf  die  Felder,  und  in  Körben  wurden
die  Steinkohlen  aus  den  Gruben  geholt.  Nicht  selten  herrschte  im  Winter  ein  Mangel  an
Feuerungsmaterial,  trotzdem  ungeheure  Kohlenmengen  im  Boden  Englands  lagerten.
Selbst  Manchester,  in  dessen  fast  unmittelbarer  Nähe  sich  ausgedehnte  Kohlenlager  befinden,
war  nur  zu  oft  nicht  genügend  hiermit  versorgt.  Dem  Transporte  auf  der  wenige  Meilen
langen  Flußstrecke  standen  scheinbar  unüberwindliche  Hindernisse  im  Wege.  Hierdurch
stieg  der  Preis  der  Kohlen  in  Manchester  gewöhnlich  auf  mehr  als  das  Doppelte  ihres
Wertes  an  der  Gewinnungsstelle.  Teuerungen  und  Hungersnot  waren  an  der  Tagesordnung, ­
  und  fast  ausschließlich  müssen  dieselben  den  mangelhaften  Wegeverhältnissen  zugeschrieben ­
  werden.  Die  unaufgeklärte  Menge  machte  nur  zu  häufig  Kornhändler,  Müller
und  Bäcker  dafür  verantwortlich  und  nahm  blutige  Rache  an  denselben.
Nicht  besser  als  die  Wege  waren  die  Transportmittel.  Die  Wagen  besaßen  noch
immer  keine  Federn,  und  diese  eine  Thatsache  läßt  erkennen,  daß  das  Reisen  selbst  bei
besseren  Wegeverhältnissen  kein  Vergnügen  bereitet  hätte,  unter  den  obwaltenden  Umständen
aber  als  eine  heroische  Handlung  zu  betrachten  war.  Wenn  man  konnte,  legte  man  daher
auch  in  England  die  Reise  zu  Pserde  zurück.  Der  Wagen  der  Königin  Elisabeth  soll
einer  der  ersten  in  England  gewesen  sein.  Unter  der  Regierung  Jakobs  wurden  bedeckte
Wagen  eingeführt,  in  welchen  Reisende  befördert  wurden.  Diese  Wagen  durchfuhren
an  den  längsten  Sommertagen  zwei  bis  drei  deutsche  Meilen.  Unmittelbar  nach  der
Restauration  ging  eine  Diligence  von  London  nach  Oxford;  sie  gebrauchte  für  diese  Strecke
zwei  Tage.  Die  Passagiere  übernachteten  in  Beaconsfield.  Im  Jahre  1669  wurde  eine
kühne  Neuerung  versucht.  Die  „fliegende  Kutsche"  legte  die  Reise  zwischen  Sonnenaufgang
und  -Untergang  zurück.  Auch  nach  Einführung  der  sogenannten  Landkutschen  kam  es
noch  häufig  vor,  daß  die  Fahrgäste  ausstiegen  und  den  größten  Teil  des  Weges  marschierten.
Die  Einführung  der  Landkutschen  muß  als  ein  erheblicher  Fortschritt  auf  dem  Gebiete
der  Verkehrsvermittelung  betrachtet  werden,  und  diese  Neuerung  rief,  wie  jede  derartige
Erscheinung,  einen  gewaltigen  Sturm  hervor.  Die  Neuerung  wurde  für  das  größte  Mißgeschick ­
  erklärt,  welches  sich  je  in  England  ereignet  habe.  Nicht  nur  für  das  Publikum
selbst  seien  die  Landkutschen  ein  Unglück,  so  behaupteten  deren  Gegner,  sondern  für  den
gesamten  Handel,  den  sie  unbedingt  zerstören  würden.  Die  Gegner  führten  aus,  daß  sich
die  Reisenden  in  der  Zukunft  keine  Schwerter  und  Pistolen  mehr  zu  kaufen  brauchten
und  daß  deren  Kleider  so  sehr  geschont  würden,  daß  eine  Erneuerung  viel  seltener  erforderlich ­
  wäre,  wie  auch  der  Verbrauch  von  Wein  und  Bier  in  den  Gasthöfen  bedeutend
geringer  werden  müßte.  Die  Menschheit  selbst,  so  hieß  es,  würde  verweichlichen,  da  das
Reiten  abkäme  und  damit  die  Menschen  entwöhnt  würden,  Frost,  Hitze,  Schnee  oder
Regen  zu  ertragen,  wie  dieselben  überhaupt  nicht  mehr  in  die  beneidenswerte  Lage  versetzt ­
  würden,  auf  den  Feldern  kampieren  zu  müssen.  Um  das  Riesenhaftd  des  bevorstehenden
nationalen  Niederganges  darzuthun,  wurde  angeführt,  daß  zwischen  den  Städten  Jork,
Chester,  Exeter  und  London  nicht  weniger  als  36  Personen  wöchentlich  reisten,  was  im
Jahre  die  enorme  Zahl  von  1872  Personen  ergebe!
Direkte  Verbindungen  zwischen  London  und  den  bedeutendsten  Städten  des  Landes
wurden  zum  größten  Teile  erst  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  eingerichtet.  Zwischen
Birmingham  und  London  wurde  1747  eine  solche  geplant.  Eine  Kutsche  sollte  in  zwei
Tagen  den  Weg  zurücklegen,  d.  h.  wenn  dessen  Zustand  es  erlaubte.  Im  Jahre  1755
bestand  noch  keine  Verbindung  zwischen  Glasgow  und  London.  Watt,  welcher  um  diese
Zeit  zwischen  den  beiden  Orten  reiste,  mußte  den  Weg  zu  Pferde  zurücklegen  und  brauchte
vierzehn  Tage  dazu.  Daß  unter  solchen  Umständen  in  Glasgow,  welche  Stadt  keine  eigene
Zeitung  besaß,  eine  Londoner  Zeitung,  die  acht  Tage  alt  war,  als  eine  Neuigkeit  angesehen ­
  wurde,  kann  wohl  als  selbstverständlich  betrachtet  werden.  Zwischen  Liverpool
und  Manchester  lief  erst  1767  eine  Landkutsche.  —  Um  das  Jahr  1700  brauchte  man
nach  London:  von  Jork  acht  Tage,  von  Turnbridge  Wells,  welcher  Ort  jetzt  in  einer
Stunde  erreichbar  ist,  zwei  Tage,  von  Dover  drei  Tage,  von  Exeter  fünf  Tage.  Im
Jahre  1763  brauchte  noch  die  Landkntsche,  welche  monatlich  einmal  von  Edinburg  nach
London  fuhr,  zur  Znrücklegung  des  Weges  zwölf  bis  achtzehn  Tage.
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