Full text: Der Weltverkehr und seine Mittel

442 Flußkanalisierungen. 
fälles möglich macht. Für Flußkanalisierungen sind in allen Fällen Kammerschleusen 
als Schiffshebewerk ausgeführt worden. Die Einzelheiten über die Anlage und Bau 
ausführung derselben werden an anderer Stelle beschrieben. Es ist deshalb nur nötig, 
ihre Anlage im Zusammenhang mit dem Wehre zu beschreiben. Die Schleusen liegen in 
manchen Fällen dicht neben dem Wehr im eigentlichen Flußbett. Sie sind dann nur 
durch die eine Seiteneinfassung der Kammer und deren Verlängerung stromauf und 
stromab vom Flusse getrennt. Die Schleuse selbst ist meist allseitig ummauert, während 
die sich anschließenden Verlängerungen der flußseitigen Kammerumfassung die Bauweise 
besonders gut ausgeführter Parallelwerke zeigen. Eine solche Anlage bietet den Vorteil 
der bequemeren Bedienung und Überwachung beider Bauwerke. Sie vermindert ferner 
die Kosten dadurch, daß man gemauerte Teile der Schleuse zugleich als Uferpfeiler des 
Wehres benutzen kann. Leider ist dabei der Nachteil nicht zu vermeiden, daß bei 
Hochwasser eine Verengung des Flußprofiles stattfindet, die ihrerseits einen gewissen 
Aufstau hervorruft. Außerdem findet leicht eine Beschädigung der Schleuseneinrichtnngen 
statt, wenn man nicht das Oberthor und die Umfassung hochwasserfrei anlegt, so daß 
nur Stauwasser vom Unterthor her eindringen kann, eine Durchströmung aber ver 
mieden wird. 
Macht sich an einem zu kanalisierenden Flusse die Anlage von Durchstichen nötig, 
so legt man in diese Strecke die Bauwerke, und zwar im Interesse einer billigen Aus 
führung der Gründungsarbeiten und auch, um die etwa schon bestehende Schiffahrt nicht 
durch Abdämmungen zu stören. Es ist dies zum Teil bei der Kanalisierung der oberen 
Oder geschehen. Aus denselben Gründen empfiehlt es sich oftmals, die beiden Bauwerke 
räumlich auseinander zu legen, wobei die Schleuse in einen natürlichen oder künstlichen 
Nebenarm angeordnet wird. Beispiele für diese Art sind die Stauanlagen am Nußdorfer 
Spitz bei Wien; auch an der Fulda ist die Schleuse bei Münden auf einer durch Fluß 
und Mühlgraben gebildeten Insel angelegt. 
Die Länge der Nebenarme oder der Trennungsbauten ist so zu wählen, daß Ein 
und Ausfahrt möglichst weit von dem Wehr entfernt liegen, um von den Einflüssen, die 
dieses auf die Wasserbewegung im Flusse ausübt, möglichst wenig betroffen zu werden. 
Es ist auch empfehlenswert, die an die Schleuse sich anschließenden Teile der Kanäle 
oder natürlichen Arme gerade anzulegen oder auszuwählen, damit bei sich steigerndem 
Verkehr ein weiteres Schleusenhaupt eingebaut werden kann, so daß ein ganzer Schleppzug 
in der Kammer Platz hat. Diese Vorsicht ist sowohl bei der Kanalisierung des Mains 
als auch an der oberen Oder angewendet worden. Im ersteren Falle entstehen dadurch 
Kammerlängen von 255, im letzteren von 135 in. Am Main bewährte sich diese Vorsicht 
schon sehr bald, da nach kurzem Bestehen der Kanalisierung der Verkehr sich so hob, daß 
es unmöglich war, ihn durch die kurzen Schleusen zu bewältigen. 
Für die Stauanlagen der kanalisierten Flüsse kommen bei Neubauten nur sehr 
selten die festen Wehre zur Anwendung. Ausnahmsweise kann man, um au Kosten zu 
sparen, bestehende Anlagen benutzen. So ist dies an der kanalisierten Lahn geschehen. 
Auch bei Münden an der Fulda ist als Wehr für die erste Staustufe eine bestehende feste 
Stauanlage angewendet. Die festen Wehre haben aber den Nachteil, daß sie zwar eine 
Zeitlang die Wassertiefe vermehren können, allmählich verschlechtert sich dieselbe aber 
wieder durch Ablagerungen von Sinkstoffen in dem ruhiger fließenden Stauwasser, wenn 
nicht stets umfängliche Räumungsarbeiten vorgenommen werden. Letztere sind unnötig, 
wenn man dem Wehre eine Bauart gibt, die dem Hochwasser freien Durchfluß gestattet, 
so daß etwaige im Staugebiet abgelagerte Kies- und Sandbänke jedesmal wieder weg 
gespült werden. Die festen Wehre stellen ferner bei nur einigermaßen bedeutender 
Stauhöhe, da sie auch bei Hochwasser ihre Wirkung äußern, stets eine beträchtliche Ver 
schlechterung der Wasserverhältnisse her. Dann können sie auch beim Eintritte aus 
reichender Wasserstände keine freie Schiffahrt auf dem Flusse ermöglichen. Es ist aber 
stets wünschenswert, in solchen Zeiten den Verkehr nicht durch die Schleuse zu leiten, 
sondern frei im Flusse sich bewegen zu lassen, besonders dann, wenn die beladenen Fahr 
zeuge meist zu Thal fahren.
	        
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