Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

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Schiffahrtskanäle.

dem  Roten  Meere  befahren  habe.  Der  große  Kalif  Harun  al  Raschid  (786—809  n.  Chr.)
faßte  den  Plan,  entweder  einen  Kanal  vom  Nil  oder  vom  Mittelländischen  Meere  nach
dem  Roten  Meere  herzustellen;  er  ließ  jedoch  diesen  Plan  fallen,  da  er  einerseits  fürchtete,
dem  Nil  könnte  hierdurch  zu  viel  Wasser  entzogen  werden,  anderseits  weil  hierdurch  die
Möglichkeit  einer  Bedrohung  Mekkas  durch  griechische  Seeräuber  gegeben  worden  wäre.
Das  von  dem  Euphrat  und  Tigris  durchflossene  Land  zeigte  im  Altertum  eine
Reihe  hervorragender  Kanalbauten.  Unter  Nebnkadnezar  wurden  zur  Entwickelung  des
Handels  Mesopotamiens  umfangreiche  Arbeiten  ausgeführt.  Zur  Verbindung  des  Euphrat
mit  dem  Tigris  ließ  der  genannte  Herrscher  vier  Querkanäle  herstellen,  von  welchen  der
bedeutendste  der  Königsfluß  (blallar  malka)  war,  der  ein  Befahren  mittels  Seeschiffe  gestattete. ­
  Zur  Versorgung  dieses  Kanals  diente  ein  bei  Sippira  angelegtes  großes  Bassin
von  1  l  in  Tiefe  und  einem  Umfange  von  60  km.
Die  Leistungen  der  Römer  im  Kanalbau  sind  im  Vergleiche  zu  der  von  diesem  Volke
überhaupt  entwickelten  Bauthätigkeit  verhältnismäßig  gering.  Verschiedene  große  Unternehmungen ­
  dieser  Art  wurden  zwar  geplant,  so  von  Nero  die  Durchstechung  des  Isthmus
von  Korinth  und  ein  Kanal  zwischen  Misenum  (bei  Neapel)  und  Rom,  keines  dieser
Projekte  kam  jedoch  zur  Ausführung.  In  der  Campagna  und  Sirmien  entstand  eine
größere  Anzahl  Kanäle,  die  zwar  in  der  Hauptsache  Entwässernngszwecken  dienten,  jedoch
auch  von  Böten  befahren  tvurden,  die  den  holländischen  Trekschuiten  ähnlich  waren.
Für  die  Herstellung  der  Kanäle  waren  in  jenen  frühen  Zeiten  und  besonders  bei  den
Römern  meistens  militärische  und  politische  Gesichtspunkte  maßgebend.  Noch  ein  anderes
Moment  ließ  die  Herstellung  von  Bauwerken,  die  große  Arbeitsleistungen  erforderten,
außerordentlich  wünschenswert  erscheinen.  Eine  Beschäftigungslosigkeit  der  zahlreichen
Legionen  barg  große  Gefahren  in  sich,  denen  die  Feldherren  am  besten  dadurch  glaubten
entgegenwirken  zu  können,  daß  sie  die  Soldaten  bei  der  Herstellung  der  Landstraßen  und
Kanäle  beschäftigten.  Paulinus  Pompejns  und  Lucius  Vetus  faßten  nach  Tacitus
(Annal.  L.  III)  den  Plan  zu  einer  Verbindung  des  Provencer  Meeres  mit  dem  Deutschen
Meer.  Drusus  ließ  große  Deichbauten  am  Rhein  ausführen  und  diesen  Fluß  durch  einen
Kanal  mit  der  Issel  verbinden.  Unter  den  zahlreichen  Spuren  der  einstigen  Thätigkeit
der  Römer  in  Britannien  befindet  sich  gleichfalls  eine  Kanalanlage,  die  Verbindung  des
Neß  mit  dem  Witham  (Car-Dyke).
Für  China  ist  die  Anlegung  von  Kanälen  im  Altertum  zwar  nachgewiesen,  doch  ist
nicht  bekannt,  inwieweit  ein  Befahren  derselben  möglich  war.  Die  Erbauung  der
großen  schiffbaren  Kanalanlagen  datiert  erst  aus  der  Mongolenzeit.  Unter  diesen  Kanälen
ist  der  den  ganzen  Küstenstrich  vom  Golf  von  Petscheli  bis  zum  Alpensee  Sihu  durchziehende ­
  Große  oder  Kaiserkanal  der  bedeutendste.  Dieser  Kanal  besitzt  eine  solche
Länge,  daß  er  in  Europa  die  Ostsee  mit  dem  Adriatischen  Meere  verbinden  würde.  Der
Großchan  Kublai  ließ  diesen  Kanal  von  Peking  aus  beginnen  und  die  bereits  bestehende
Kanallinie  teils  erweitern  und  vertiefen,  teils  neu  bauen.  Die  Schaffung  dieses  Riesenwerkes ­
  war  nur  in  einem  Lande  möglich,  in  dem  über  Millionen  Handlanger  despotisch
verfügt  werden  konnte.  Der  Kanal  hat  keine  Schlensenanlagen;  seine  Breite  ist  sehr  verschieden, ­
  bald  beträgt  sie  60  m,  bald  300  na.  Er  hat  fast  nie  stillstehendes  Wasser.  Bald
ist  er  tief  in  die  Berge  eingeschnitten,  bald  läuft  er  innerhalb  Dämmen,  die  mit  Granitquadern
  eingefaßt  sind,  durch  Seen  und  Moräste.  Zahlreiche  Brücken  überspannen  den
Kaiserkanal,  und  unzählige  Vorrichtungen  für  Bewässerungszwecke  sind  vorhanden.  An
den  Ufern  ziehen  sich  steinerne  Leinpfade  entlang.  In  40  Tagen  konnte  der  Wasserweg
bequem  durchfahren  werden.  Eine  gepflasterte  Heerstraße  lief  dem  Kanal  parallel,  dieselbe ­
  war  mit  Bäumen  und  Weiden  bepflanzt,  und  an  ihrer  Seite  standen  Wirtshäuser
und  Schuppen.  Die  Schaffung  des  Kaiserkanals  war  eine  Notwendigkeit.  Um  die  Entstehung ­
  von  Hungersnöten  nach  Möglichkeit  zu  verhüten,  mußte  bei  der  Abneigung  der
Chinesen  gegen  die  infolge  der  heftigen  Stürme  des  Gelben  Meeres  sehr  gefährliche  Seefahrt ­
  eine  binnenländische  Verbindung  von  Süd-  nach  Nordchina  hergestellt  werden.  Im
vorigen  Jahrhundert  rechnete  man,  daß  der  Kaiser  auf  dem  Kanal  9999  Schiffe  zum
Korntransport  mit  200  000  Mann  Besatzung  hatte,  die  beständig  in  Thätigkeit  waren,
            
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