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Kanalbauten in Rußland und Schweden.
Weiße Meer mündende Dwina durch den Bjelojesee mit dem Marien-Kanalsystem, d. h. also
mit St. Petersburg und dem Wolgagebiet in Verbindung steht, sind von minderer Bedeutung.
In der Jetztzeit dient das Tichwinsche System, so nach der Stadt Tichwin genannt,
säst ausschließlich der Flößerei. Es beginnt bei Rybinsk und mündet am Südrande des
Ladogasees in den zn dem Marien-Kanalsystem gehörigen Ladogakanal. Das System von
Wischni-Wolotschok verläßt bei Twcr die Wolga und mündet in den Ladogakanal. Die
Entfernung von Rybinsk bis St. Petersburg beträgt 1450 km, die Fahrzeuge gebrauchen
2^/2 bis 3’/2 Monate für die Zurücklegung des Weges. Die Länge des Maricn-Kanalsystems
beträgt von Rybinsk bis St. Petersburg 1160 km. Die Umgehung der verschiedenen Seen
wie Onegasee, Ladogasee und Jlmen- und Bjelojesee, ist mit Rücksicht auf die Hemmnisse,
welchen die Schiffahrt aus denselben bei heftigem Wind ausgesetzt ist, erfolgt. Das Beresina-
Kanalsystem, das Oginski- und das Königs-Kanaljystem haben durch die von Süd
osten nach Nordwesten gerichteten, aus dem gctreidereichen inneren Rußland sich nach den
Ostseehäfen, Riga, Liebau, Königsberg und Danzig erstreckenden Eisenbahnen einen Teil ihrer
früheren Bedeutung verloren, jedoch sind sie noch immer für die Flößerei und den Getreide-
transport von Wichtigkeit. Die mangelhafte Schiffbarkeit der genannten Kanalsystcme ist an
dem Rückgang ihres Verkehrs in erster Linie schuld.
Als Projekt eines Riesenkanals kann mau den in Rußland ernstlich erwogenen Gedanken
der Schaffung einer künstlichen Schiffahrtsstraße zwischen dem Schwärzen Meer und der
Ostsee nennen. Die Länge dieses Kanals würde das ansehnliche Maß von 1600 km ergeben.
Der Kanal soll von Riga ausgehen, dem Lause der Düna, der Bercsina und des Dnjepr
folgen und bei Cherson in das Schwarze Meer münden. In der Hauptsache wird es sich
um die Vertiefung und Regulierung von Flußläufcn handeln, nur zwischen Düuaburg und
Lepcl muß ein Kanal gegraben werden. Die Kosten sind auf 400 Millionen Mark ver
anschlagt.
Das russische Binnenschiffahrtsnetz besaß im Jahre 1896 die große Länge von
75 000 km. Hiervon können etwa 50 000 km für Schiff- und 25 000 km als Fluß
fahrt ausgenutzt werden. Die außerordentliche Bedeutung der Wasserstraßen für Rußland
geht u. a. daraus hervor, daß in St. Petersburg beispielsweise die Hälfte der Güter auf
dem Wasserwege ankommt. Diese Verhältniszahl gewinnt noch an Bedeutung, wenn man
bedenkt, daß von Mitte November bis Mitte April die Binnenschiffahrt durch Frost unter
brochen ist.
Die im Lande vorhandenen großen Seen legten in Schweden den Gedanken zur
Schaffung einer Schiffahrtsverbindnng zwischen diesen und dem Meere nahe. Die un
günstigen topographischen Verhältnisse ließen lange die Verwirklichung dieses Planes als
aussichtslos erscheinen, bedingte doch die hier auf dem Gebiet der Technik zu lösende
Aufgabe Formen, welche neu zu schaffen waren. Bis zum heutigen Tage ist der Troll
st attakanal bezüglich der Stauhöhe seiner Schleusen von keiner anderen Kaualanlage
überholt worden, und die Polhemschleuse mit einem Fall von über 16 m nimmt noch
immer den ersten Rang ein.
Bereits für eine frühe Zeit läßt sich für Schweden die Benutzung von aus Baumstämmen
hergestellten Bahnen zum Transport von Schisfsfahrzeugen aus einem Gewässer in das
andere nachweisen. Schon gegen Ende des 14. Jahrhunderts lenkte sich die Aufmerksamkeit
auf die Schaffung einer Verbindung der Ost- und Nordsee mittels Benutzung der großen
Landscen und der natürlichen Bodensenkung, welche das südliche Schweden vom Skagerrak
bis zur Ostsee durchzieht. Im Jahre 1516 legte der Bischof von Linköpiug, Hans Brask,
dem Könige ein Projekt zur Schaffung der Verbindung zwischen den beiden genannten Meeren
vor. Die Einflüsse der Hansa hintertrieben bis zu Gustav Wasas Zeiten, 1523—1560, die
Ausführung dieses Planes, der übrigens auch au der Unzulänglichkeit der technischen Hilfs
mittel jener Zeit hätte scheitern müssen. Karl IX. ließ zur Verbindung des Wener- und
Wettersccs mit dem Kattegat den Karlsgrabeu herstellen, der noch jetzt einen bedeutsamen
Teil des Trollhättakanals bildet. Gustav Adolf wandte den Wasserstraßen seines Landes
große Beachtung zu und gab die Anregung zur Herstellung des Verbindungskanals zwischen
dem Hjelmar- und Mälarsee. Dieses Werk (jetzt Kanal von Arboga genannt) mit
12 Schleusen wurde während der Minderjährigkeit seiner Tochter Christine vollendet. Die
wesentlichste Förderung erfuhr das Unternehmen unter Karl XII., unter dessen Regierung die
Ingenieure Södenborg und Polhem thätig waren, welche versuchten, die Trollhättasälle durch
Schleusenanlagen zu umgehen. Durch Treibholz wurde 1755 der große Schutzdamm dieser
Arbeiten zerstört, und das Unternehmen blieb bis 1793 ruhen, in welchem Jahre eine Gesell
schaft die Mittel zur Anlegung der jetzt „alte Schleusen" genannten Werke aufbrachte.
Die Trace der Kanalverbindung, deren Hauptglied der Trollhättakanal bildet, ist
die folgende. Von Stockholm geht die Fahrt durch den Mälarsee in den Flnß und Kanal
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