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Seekanäle.
Wenn der Kanal bisher auch Manchester noch nicht alle von demselben erhofften
Vorteile gebracht hat, so läßt sich doch eine Verkehrsentwickelung in aufsteigender Linie
konstatieren. Während die Zahl der in Manchester angekommenen Schiffe im Jahre 1894
562 betrug, ist sie für das Jahr 1897 auf 834 gestiegen und betrug sogar im Jahre 1896
917. Der Raumgehalt der im letzteren Jahre angekommenen Schiffe betrug jedoch nur
562 000 Registertonnen gegen 585 000 Registertonnen für 1897.
Der Kaiser Wilhelm-Kanal. Der Wunsch, durch eine Durchstechung der die
Nord- und Ostsee trennenden Halbinsel eine kürzere und gefahrlosere Wasserstraße, als
sie der Weg um Skagen bietet, zu erhalten, läßt sich eine lange Reihe von Jahrhunderten
zurückverfolgen. Der Jetztzeit war es vorbehalten dieses Streben der Erfüllung entgcgen-
zuführen. Solange der mächtige Städtebund der Hansa die Nord- und Ostsee beherrschte,
machte sich dieser Wunsch weniger geltend, da zu jener Zeit weder der Seeweg nach Ost
indien noch nach Amerika entdeckt war. Damals gelangten die Produkte Asiens und
Afrikas nicht auf dem Seewege nach den Küstenländern der nordischen Meere, sondern
sie wurden diesen über Land von den in jenem Zeitraum besonders blühenden italienischen
Seestädten zugeführt. Die oben'angeführten bedeutenden Entdeckungen hatten eine ge
waltige Umwälzung auch auf dem Gebiete des Transportwesens im Gefolge. Die bis
dahin so belebten Straßen von Italien über die Alpen durch Deutschland nach dem
Norden verödeten. Ein ausgedehnter überseeischer Verkehr entivickelte sich und ließ die
Hafenplätze an der Nordsee einen großen Aufschwung nehmen, während gleichzeitig die
Seestädte der beiden abgeschlossenen Meere, der Ostsee und des Mittelländischen Meeres,
in ihrer Bedeutung zurückgingen. Am Ende des 14. Jahrhunderts waren zwar die Lübecker
bemüht, durch den jetzt dem Elbe-Travekanal zum Opfer gefallenen Stecknitzkanal eine
Verbindung zwischen Elbe und Trave zu schaffen, und es kam sogar durch die Benutzung
der Alster und Beste schon früher eine Wasserverbinduug zwischen Lübeck und Hamburg
zu stände, dennoch glaubt man und wohl mit Recht hierin nicht den Beweis für den
Wunsch zur Herstellung eines Nord-Ostseekanals erblicken zu können. Erst unter
Christian III. von Dänemark (1533—1559) wurde eine solche Verbindung geplant, doch
kam dieser Gedanke nicht zur Ausführung. Christians III. Bruder, Herzog Adolf I.
von Schleswig-Holstein, faßte den Plan, unter Benutzung der Eider einen Seekanal zu
schaffen, doch fehlen alle Nachrichten darüber, was mit diesem Plan geschehen ist. Wallen
stein beschäftigte sich nach seiner Ernennung zum „General der ganzen Kaiserlichen Schiffs
armada zu Meer wie auch des Ozeanischen und Baltischen Meeres" eingehend mit dem
Gedanken einer Durchstechung der jütischen Halbinsel, wodurch er vornehmlich der in den
Häfen seines Herzogtums Mecklenburg gebauten und versammelten Flotte einen nicht den
Angriffen der Dänen und Schweden ausgesetzten Weg in die Nordsee schaffen wollte.
Auch dieser Plan kam nicht zur Durchführung. Das gleiche gilt von den Projekten des
Herzogs Friedrich III. von Holstein-Gottorp (1616—1659) und des Königs Christian IV.
von Dänemark. Die weitausschauenden Absichten Cromwells, der von Wismar aus einen
Kanal nach dem Schweriner See und von da durch die Elde nach der Elbe schaffen lassen
wollte, teilten das Schicksal der früheren Pläne.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts plante Lübeck in Gemeinschaft mit
der holländischen Republik eine Verbreiterung des Stecknitzkanals, um diesen Seeschiffen
zugänglich zu machen, doch scheiterte dieses Projekt an dem Widerstande des Herzogs von
Lauenburg. Nachdem die Idee eines Nord-Ostseekanals ein Jahrhundert lang geschlummert
hatte, sollte sie endlich ihre Verwirklichung finden. Am 11. Mai 1774 wurde eine
„Kanalsausführungskommission" in Kiel zusammen berufen. Unter der Leitung des
Generalmajors von Wegner und der Ingenieur-Kapitäne von Peymann und Detmer
kam der Kanal zur Ausführung. Die Breite in der Sohle betrug 18 m, im Wasser
spiegel 28,7 in, die Tiefe war 3 in. Die Bauausführung hatte mit mancherlei
Schwierigkeiten zu kämpfen; so herrschte beispielsweise sehr stark das „Faulfieber" (ein
Marschfieber), an dem zeitweilig 1300 bis 1400 Arbeiter daniederlagen. Die Eröffnungs
fahrt auf dem 45 üin langen, von Holtenau an der Kieler Bucht bis nach Tönning
sich erstreckenden Kanal fand am 18. Oktober 1784 statt. Die Kosten dieses Kanals be
trugen etwas über 9000000 Mark. Die Einführung der Dampfschiffahrt sowie namentlich