Panamakanal. 515
das menschliche Können als nicht ausreichend erwiesen. An dieser Stelle kann nicht auf alle
Verhältnisse eingegangen werden, die es bewirkt haben, daß bis jetzt ein kolossales Kapital
nutzlos aufgewandt zu sein scheint. Ob und wann die Vollendung der Arbeiten zu er
warten ist, kann in diesem Momente niemand sagen. Eine neue französische Gesellschaft ist
nach dem skandalösen Zusammenbruch der alten Kompagnie gebildet und hat die Arbeiten
wieder aufgenommen.
Bestimmte Formen nahm das Projekt, eine Durchstechung der Landenge, zuerst unter
dem König Karl IV. an, der Vermessungen vornehmen ließ. Damals glaubte man, eine
solche Verbindung nur unter Benutzung der vorhandenen Flüsse und Seen schaffen zu
können. Nach Loßreißung des Staates Nicaragua von Spanien im Jahre 1821 wurde
das Projekt von der Regierung des neuen Staates aufgenommen. Verschiedentlich
bildeten sich Gesellschaften zur Verwirklichung des Projektes. Eine dieser Gesellschaften
gelangte durch ihre Vorarbeiten zur Herstellung der Panama-Eisenbahn. Im Jahre 1851
baute die Kompagnie Vanderbilt nach Ausführung von Vorarbeiten eine Straße längs
des Flusses San Juan nach dem Nicaraguasee und stellte durch direkte Dampferlinien
von New Jork nach San Juan und von San Francisco nach der westlichen Küste der
Landenge einen gewissen direkten Verkehr her, jedoch kam die eigentliche Sache nicht
weiter. Im Jahre 1875 wurde von dem Kongreß der Bereinigten Staaten eine Kom
mission mit dem Studium dieser Frage beauftragt. Dieselbe untersuchte sowohl die frühere
sogenannte Nicaragualinie, als eine solche über den Isthmus von Panama. Diese Kom
mission gab der ersteren Linie den Vorzug.
Nach der Fertigstellung des Suezkanals erschien dessen Schöpfer, Lesseps, auf
dem amerikanischen Schauplatz. Nachdem auch dieser sich für die Nicaragualinie aus
gesprochen hatte, trat er mit einem Male mit dem Projekt eines Kanals ohne Schleusen,
d. h. also mit einer Verbindung der beiden Ozeane durch einen Niveaukanal, auf. Im
Jahre 1880 gelang Lesseps die Bildung einer Gesellschaft für den Bau eines Kanals
zwischen Panama am Stillen Ozean und einem in der Nähe von Colon am Atlantischen
Meere gelegenen Punkte. Die zu überwindenden Schwierigkeiten bestehen nicht nur in
der Bewältigung ganz kolossaler Erd- und Felsmassen, sondern auch in den ungünstigen
klimatischen Verhältnissen des Landes. Die enormen Summen, die der Bau bereits ver
schlungen hat, und die große Schwächung, welche der Baufonds durch Unterschlagungen
und Bestechungsgelder erlitt, zwangen Lesseps bereits im Jahre 1887, die ursprüngliche
Idee fallen zu lassen und die Herstellung eines Schleusenkanals ins Auge zu fassen.
Bierzehnhundert Millionen Frank sind für dieses Unternehmen aufgewandt worden, ohne
daß bisher ein greifbares Resultat erzielt worden ist. Dieser traurige Ausgang kann
nach Lage der Verhältnisse nur zu einem geringen Teile dem Unvermögen der Ingenieur-
technik zugeschrieben werden. Die zu überwindenden Verhältnisse sind zwar außer
gewöhnlich schwieriger Art, aber bisher ist es der Jngenieurtechnik noch überall möglich
gewesen, die sich ihr entgegenstellenden Hindernisse aus dem Wege zu räumen, und so
darf die Hoffnung gehegt werden, daß es derselben, nicht gehemmt und gelähmt durch
menschliche Schwächen und Laster, dereinst vergönnt sein wird, den Triumph der Voll
endung auch dieses Werkes zu feiern.
Das gleiche Schicksal, wie der Panamakanal, haben bis jetzt die beiden Konkurrenz-
unternehnlungen gehabt, der Nicaragua-Schiffskanal und die Schiffseisenbahn von
Tehuantepec, d. h. auch diese beiden Projekte sind noch nicht vollendet. Das Projekt des
Kapitäns Eads, eine Schiffseisenbahn zu bauen, dürfte mit dem Tode des Erfinders gleich
falls zu Grabe getragen sein. Dieser Plan hat daher nur geschichtliches Interesse. Durch
die Bahn sollten Schiffe bis zu 5000 t Tragfähigkeit, nachdem dieselben aus dem Wasser ge
zogen waren, über Land auf einem Untergestell transportiert werden, dessen Räder auf
Schienen laufen sollten, also eine ähnliche Konstruktion, wie sie in neuester Zeit für geneigte
Ebenen in Vorschlag gebracht worden ist.
Die vom Bundeskongreß der Vereinigten Staaten von Nordamerika eingesetzte Komiuission
zur Untersuchung des Planes für den Nicaragua-Kanal hat die Vorarbeiten dieses Unternehmens
beendet. Ob das Projekt zur Aussührnng kommen wird, muß zur Zeit dahingestellt bleiben.
Von großem Einfluß wird in dieser Beziehung sein, ob es der neuen Pananiakanal-Gesellschaft
gelingen wird, den Ausbau dieses Kanals zu fördern oder nicht.