Leuchttürme. 561
beschädigt worden. Wenn ein Leuchtturm zugleich als Tagesmarke dienen soll, muß er
unter Umständen eine größere Höhe erhalten, als die Sichtweite des Feuers es verlangen
würde. Die Sichtweite des Feuers ist um so größer, je höher das Feuer und auch je
höher der Beobachter über dem Wasserspiegel sich befindet.
Ist L das Leuchtfeuer und 0 das Auge des Beobachters auf dem Schiffe, so wird
dieser das Feuer nicht früher in Sicht bekommen, als bis er in die von L ausgehende,
die Kugelfläche des Meeres berührende gerade Linie tritt. Wegen der Brechung, welche
die Lichtstrahlen in der Atmosphäre erleiden, verhält sich die Sache aber nicht ganz so
einfach, wie in der Abb. 169 dargestellt ist. Denn da die Luftschichten in den oberen
Regionen dünner sind als in den unteren, so bildet ein von der Lichtquelle in der Laterne
ausgehender Lichtstrahl keine gerade Linie, sondern eine Kurve, die ihre konvexe Seite
nach oben kehrt. Der Beobachter in dem Punkte, wo der Lichtstrahl die Meeresfläche
oder die Kommandobrücke des Schiffes trifft, sieht daher den leuchtenden Punkt nicht in
der geraden Richtung von seinem Auge nach diesem Punkt, sondern in der Richtung der
berührenden Geraden an den gekrümmten Lichtstrahl, und es erscheint die Lichtquelle
höher, als sie in Wirklichkeit ist; die atmosphärische Strahlenbrechung hat daher eine
Vergrößerung der Sichtweite der Leuchtfeuer zur Folge.
Die nachfolgende Tabelle gibt für eine Augenhöhe von 4,5 m über Wasser die
Sichtweite bei verschiedenen Höhen der Leuchtfeuer an.
Sichtweite der Leuchtfeuer in Kilometern:
Höhe des Feuers in m 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
Sichtweite in km 20 25 29 32 35 38 40 42 44 46
Die Lichtweite eines Leuchtfeuers ist aber selbstverständlich nicht allein von seiner
Höhe über dem Wasserspiegel, sondern auch von seiner Lichtstärke abhängig. Die Leucht
feuer in alter Zeit waren Holz- und später Kohlenfeuer, die in eisernen Körben, „Bliesen"
genannt, au einer Stange seitlich zum Turm hinausgesteckt wurden; ihre Lichtstärke war
wechselnd, da sie je nach der Luftbewegung bald stärker, bald schwächer brannten. Später
wurden Kerzen angewendet, und noch am Anfang des vorigen Jahrhunderts sendeten von
Smeatons berühmtem Leuchtturm auf dem Eddystone wenige Talgkerzen ihr spärliches
Licht in die See hinaus. An die Stelle der Talg- und Wachskerzen trat mit der Zeit
Rüböl, das, solange es in vollen, runden oder Banddochten verbrannt wurde, das Kerzen
licht nur.um weniges übertraf. Eine wesentliche Verbesserung und Verstärkung trat
erst mit Einführung der von dem Genfer Argand erfundenen Lampe ein, deren hohlem,
cylindrischem Dochte von außen und von innen Luft zugeführt wurde, wodurch die Ver
brennung des Öls eine bedeutende Steigerung erfuhr. Durch die Anordnung eines über
die Flamme gestülpten, schornsteinartigen Glascylinders wurde die Zuströmung und Ab
führung der Luft noch verstärkt. Da mit der gewöhnlichen Lampe mit einem Dochte nicht
die genügende Lichtstärke erzielt wurde, so wurde mit der Zeit der von Augustin Fresnel
erfundene Brenner mit mehreren senkrechten Dochten eingeführt; zwischen den Dochten
befinden sich kreisförmige Schlitze, durch welche die Luft eintreten, jede Flamme von
außen wie von innen bestreichen und dadurch das vollständige Verbrennen der ent
wickelten Gase überall veranlassen kann; es wurden Brenner mit bis zu sieben Dochten
angewendet. Das auf den französischen Leuchttürmen gebrannte pflanzliche Öl war so
genanntes Colzaöl, das aus dem namentlich im Departement du Nord und in der
Normandie angebauten Sommerraps, französisch Colza genannt, gewonnen wurde. Eine
weitere wesentliche Verbesserung war die von Carcel gemachte Erfindung, den Dochten
das Öl durch eine von einem Uhrwerk getriebene Pumpe zuzuführen. Da die erzeugte
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