Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

598  Schiffbau.

Welthandel.  Und  so  waren  die  Schiffahrt  treibenden  Nationen  im  16.  und  17.  Jahrhundert ­
  bestrebt,  den  Schiffbau  nach  Möglichkeit  zu  fördern  und  zu  veroollkomninen.  Die
weiten  Fahrten  über  See  erforderten  günstigere  Schiffsformen  unter  Wasser,  große  Seetüchtigkeit ­
  und  eine  Verbesserung  der  Segeleigenschaften.  Man  begann  den  Schiffsboden
zum  Schutze  gegen  den  Bohrwurm  und  zur  Verminderung  des  Anwuchses  mit  Kupferplatten ­
  zu  beschlagen.  Die  Schiffe  selbst  erhielten  größere  Abmessungen,  stärkere  Verbände
und  zweckentsprechende  Bug-  und  Heckformen.  Vor-  und  Hinterkastell  verschwanden  allmählich, ­
  dafür  trat  das  vorn  ausspringende  Gallion  und  die  Galerien  mit  den  Seitentaschen ­
  am  Heck.  Die  Masten  wurden  geteilt  und  erhielten  Stengen  zum  Fieren.  Die
Segel  wurden  der  Höhe  nach  geteilt  in  Uutersegel,  Marssegel  und  Bramsegel,  auch  kamen
später  die  Leesegel  —  Beisegel,  welche  die  Segelfläche  in  der  Breite  vergrößerten  —  hinzu.
Der  Schnitt  der  Segel  wurde  dabei  so  gewählt,  daß  sie  möglichst  bauchig  am  Winde
standen,  da  man  der  Meinung  war,  daß  der  Wind  sich  in  denselben  fangen  müsse,  ein
vollkommen  unwissenschaftlicher  Grundsatz,  welcher  erst  in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts
allmählich  verlassen  wurde.

&96.  ptr  erste  Dreidecker  „The  Kovcrcign  of  the  Keas",  erbaut  16S7.

Mit  Bezug  auf  die  Armierung  der  Kriegsschiffe  mit  Geschützen  ergab  sich  seit  dem
Jahre  1500  ein  gewaltiger  Umschwung,  als  man  nach  dem  Vorschlag  des  Franzosen
Decharges  anfing,  Geschützpforten  in  die  Außenhaut  einzuschneiden  und  die  Geschütze  in
der  Breitseite  aufzustellen.  Als  erstes  Breitseitschiff  wurde  im  Jahre  1512  unter  der
Regierung  Heinrich  VIII.  an  der  Themse  das  Linienschiff  „Henry  Grace  de  Dieu"  erbaut.
(Abb.  595).  Es  war  ein  Zweidecker  von  1000  t  Deplacement,  führte  54  Achtzehnund ­
  Neunpfünder  in  den  Batterien  und  26  Stück  Sechs-  und  Einpfünder  auf  Oberdeck,
Hütte  und  Back  und  hatte  eine  Besatzung  von  700  Mann.  Im  Jahre  1637  wurde  alsdann ­
  in  Woolwich  der  erste  Dreidecker  „The  Sovereign  of  the  Seas"  (Abb.  596)
erbaut.  Das  Schiff  hatte  eine  Länge  zwischen  den  Perpendikeln  von  170  Fuß  engl.,  eine
Länge  über  alles  von  232  Fuß  und  eine  größte  Breite  von  48  Fuß  bei  einem  Tonnengehalt ­
  von  1637  Tons.  Es  besaß  drei  feste  Decks  und  führte  100  Geschütze  und  zwar
30  in  der  unteren,  30  in  der  mittleren  und  26  in  der  oberen  Batterie,  während  die
übrigen  auf  dem  Oberdeck  der  Back  und  der  Hütte  verteilt  waren.  Die  untersten  Geschützpforten ­
  lagen  nur  4  Fuß  über  Wasser,  so  daß  dieselben  bei  bewegter  See  geschlossen
werden  mußten.  Wegen  mangelnder  Stabilität  wurde  später  das  oberste  Deck  rasiert  und
das  Schiff  zum  Zweidecker  gemacht.  Die  später  im  Jahre  1735  erbaute  „Victory",  ein
Dreimaster  ähnlicher  Konstruktion  mit  100  Geschützen  (Abb.  597),  kenterte  infolge  des
Schöpfens  der  untersten  Geschützpforten  im  Kanal  im  Jahre  1744  und  ging  mit  der
ganzen  Besatzung  fan  1000  Mann)  unter.
Trotzdem  diese  Schiffe  schon  gewaltige  Abmessungen  auswiesen  und  mit  Bezug  auf
Belastung,  Konstruktion  der  Verbandteile,  Besegelung  und  Stabilität  schwierige  Auf ­
            
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