Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

626  Schiffbau.

Turmschiff  „Monitor"  die  gewaltige  Überlegenheit  der  gepanzerten  Schiffe  den  nicht  gepanzerten ­
  gegenüber  dargethan  hatte,  gingen  alle  Seemächte  zum  Bau  von  Panzerschiffen
mit  beinahe  fieberhafter  Hast  vor.  Um  die  Zahl  der  Panzerschiffe  so  rasch  wie  möglich
zu  vergrößern,  wurden  in  England  sogar  alte  Linienschiffe  rasiert  und  mit  Panzerplatten
umgürtet.  Die  Panzerstärke  blieb  anfänglich  bei  12  bis  15  ein  stehen;  als  indessen  die
Artillerie  den  gepanzerten  Schiffsseiten  gezogene  Geschütze  von  großem  Kaliber  und
wesentlich  vermehrter  Durchschlagskraft  gegenüberstellte,  mußte  man  an  eine  Verstärkung
der  Panzerwand  sowie  an  eine  Verbesserung  des  Panzermaterials  denken.  Die  Anforderungen ­
  steigerten  sich  derart,  daß  nicht  selten  ein  Panzerschiff  schon  veraltet  bezw.  in
seiner  Panzerstärke  zu  schwach  war,  wenn  es  vom  Stapel  lief.  Mit  welcher  Schnelligkeit
die  Umwandlungen  der  einzelnen  Marinen  vor  sich  gingen,  geht  daraus  hervor,  daß
bereits  im  Jahre  1866  Österreich  und  Italien,  zwei  Marinen  zweiten  Ranges,  sich  mit
vollständigen  Panzerflotten  in  der  Seeschlacht  bei  Lissa  gegenüberstanden.  Und  so  entwickelte ­
  sich  ein  heftiger  Wettstreit  zwischen  Artillerie  und  Schiffspanzer,  welcher  hin
und  her  schwankte  und  sowohl  dem  Kriegsschiffbau,  als  auch  der  Marineartillerie  in
kurzer  Zeit  einen  gewaltigen  Aufschwung  verschaffte.  Durch  die  Erfolge  der  Österreicher
in  der  Seeschlacht  bei  Lissa  wurde  ferner  die  Aufmerksamkeit  auf  den  Erfolg  des  Rammstoßes ­
  gelenkt,  so  daß  der  Rammbug  bezw.  der  Sporn,  wie  früher  im  Altertum,  als
ein  hervorragendes  Kampfmittel  wiederum  in  Anwendung  kam  in  Verbindung  mit
einer  möglichst  zahlreichen  Teilung  des  Schiffsrumpfes  in  wasserdichte  Abteilungen  und
Zellen  als  Schutzmaßregel  gegen  den  Rammstoß.  Diese  Gliederung  des  Schiffsrumpfes
wurde  alsdann  noch  weiter  ausgedehnt,  als  die  Gefahr  der  Seeminen  für  Hafensperren
sowie  die  bedeutungsvolle  Erfindung  der  automobilen  Torpedos  und  ihre  Verwendung
an  Bord  der  Schiffe  hinzukam,  so  daß  das  moderne  Schlachtschiff  nicht  allein  gegen  die
verheerende  Wirkung  der  Artillerie,  sondern  auch  gegen  den  verhängnisvollen  Angriff
der  Torpedos  gewappnet  und  geschützt  sein  mußte.  Und  so  mehrten  sich  allmählich  die
Anforderungen  an  die  Defensiv-  und  Offensivkraft  der  Kriegsschiffe  derart,  daß  man
dazu  übergehen  mußte,  dem  Hauptverwendungszweck  entsprechend,  besondere  Schiffstypen
einzuführen,  die  Panzerschiffe  als  Schlachtschiffe,  die  Kreuzer  und  Avisos  als
Aufklärungsschiffe  und  zum  Schutz  des  Handels,  die  Torpedofahrzeuge  für  den
Torpedoangriff.
Bei  den  Panzerschiffen  entstanden  im  Anschluß  an  die  Linienschiffe  zunächst  die
Batterieschiffe,  bei  welchen  die  Batterie  sowie  die  Schiffswand  in  der  Wasserlinie  auf
der  ganzen  Länge  oder  nur  teilweise  gepanzert  war  —  „Gloire",  „Warrior".  Bei  dem
stetigen  Steigen  der  Geschützkaliber  mußte  man  jedoch  die  Zahl  derselben  einschränken,  und
so  kam  man  auf  den  Gedanken,  die  schweren  Geschütze  in  gepanzerten  Türmen  aufzustellen, ­
  um  das  Schußfeld  der  wenigen  Geschütze  möglichst  groß  zu  erhalten  und  die
gepanzerte  Fläche  zu  verringern.  Ericsson  erbaute  nach  diesem  Grundsatz  in  Amerika  den
„Monitor",  welcher  alsbald  einem  besonderen  Typ  von  Küstenverteidigungsfahrzeugen
den  Namen  gab.  Die  Monitors  sind  Panzerschiffe  mit  geringem  Freibord  und  Seitenpanzer ­
  über  die  ganze  Schiffslänge  und  ein  bezw.  zwei  drehbaren  Panzertürmen  auf  dem
Oberdeck,  in  welchen  ein  oder  zwei  schwere  Geschütze  gelagert  sind,  „Terror"  (Abb.  626).
In  England  gab  Coles  den  Turinschiffen  etwas  größeren  Freibord,  versah  sie  auf  die
ganze  Länge  mit  einem  Gürtelpanzer  und  stellte  die  Türme  mittschiffs  versenkt  in  einer
gepanzerten  Citadelle  auf,  so  daß  die  Geschützmündungen  aus  den  Turmscharten  nur
wenig  über  das  Oberdeck  hinausragten  „Preußen"  (Abb.  627).  Nach  dem  Kentern  des
„Captain"  kam  man  jedoch  wieder  auf  die  Batteriedeckschiffe  zurück,  jedoch  wurde  wegen
der  stetig  zunehmenden  Panzerstärke  die  Zahl  der  Geschütze  sowie  die  Panzerung  der
Batterie  der  Länge  nach  eingeschränkt.  Es  entstanden  Schiffe  mit  Gürtelpanzer  und  gepanzerter ­
  Zentralbatterie,  die  sogenannten  Kasemattschiffe.  „Alexandra"  (englisch;
Abb.  628);  „Occan",  „Devastation"  sfranzösisch);  „Tegetthoff"  (österreichisch,  Abb.  629),
„Kaiser",  „Deutschland"  (deutsch).  Bei  einigen  dieser  Schiffe  wurde  die  Aufstellung  der
Geschütze  in  zwei  Decks  übereinander  wieder  eingeführt  und  die  Bordwand  der  Kasematte
so  ausgebaut,  daß  man  mit  den  Kasemattgeschützen  ein  Bug-  und  Heckfeuer  erzielen  konnte.
            
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